Sonntagsbrief zum 28. Sonntag im Jahreskreis, 10. Oktober 2021

8. Oktober 2021 von Cristy Orzechowski

Reichtum Mensch

Die Hundertfachen © Cristy Orzechowski

Daher betete ich, und es wurde mir Klugheit gegeben; ich flehte, und der Geist der Weisheit kam zu mir.-- 

Ich zog sie Zeptern und Thronen vor, Reichtum achtete ich für nichts im Vergleich mit ihr.

Weish 7,7-8

 

Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: „Guter Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Jesus antwortete: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!“

Er erwiderte ihm: „Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt.“ Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: „Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.

Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: „Wie schwer ist esfür Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!“ Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: „Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: „Wer kann dann noch gerettet werden?“

Jesus sah sie an und sagte: „Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.“ Da sagte Petrus zu ihm: „Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.“ Jesus antwortete: „Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.“

 Mk 10, 17-27 Einheitsübersetzung

 

 

Reichtum Mensch

Bei dem Text aus dem Buch der Weisheit denke ich spontan an den kürzlich gezeigten Film NOMADLAND Er handelt von Menschen unterwegs in Ihren Wohn-Mobilen in USA. Da ist zu lernen wie Lebenswerte zu verorten sind. So vieles ist `verlassbar´. Jedoch das Allein-Leben dieser fahrenden Leute ist eindrücklich und karg, von Pannen durchzogen, doch voller Weite der Landschaften und des eigenen Denkens. Bei den Groß-Treffen werden dort `Juwelen-Menschen´ gezeigt! Das Zusammenleben für einige Tage oder gar Wochen erscheint als Kostbarkeit, Sinn-Fülle und als unüberbietbarer Reichtum — mitten im `Unterwegs-sein-auf-Erden´!

 

Als die Weisheit meines Lebens bekam ich von außerordentlichen Menschen vorgelebt: dass Leben wandern heisst — und nicht sich festklammern an Dinge, Gegebenheiten…Gebräuche, Lebensstile ... 

Die zweite vermittelte Weisheit dieses Filmes und meiner eigenen Erfahrungen: dass die Menschen unterwegs der Reichtum des Lebens sind.

 

Deutlich wird auch in diesem Bereich: dass es dabei nicht um das Festhalten und Klammern an Menschen geht, sondern darum, sich selbst in dieses menschliche Bindungs- u. Verbindungsgeschehen als Gabe und Hin-Gabe einzubringen und gelassen den Weg unter `Menschen-Juwelen´ zu beschreiten, bei jedem Abschied sich neu in andere Bindungen zu begeben, nach Hermann Hesse: „STUFEN“.

Unterwegs–Sein, mit der lebendigen Gewissheit: `man sieht sich´. Mit dieser Art von lebendigem Reichtum gesegnet, mit und unter den Menschen,gelangen wir ganz sicher und geschmeidig durch das Nadelöhr.

 

Wie aber mit dem `Geschmeide-Reichtum´ und Angehänge unseres Lebens umgehen? — siehe oben: so vieles ist `verlassbar´. Jesus besteht herausfordernd darauf:

„Jeder, der um meinetwillen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen.“ – Das habe ich wahrhaftig erfahren; durch meinen Auszug nach Lateinamerika, aus dem ein 30 jähriger Aufbruch wurde. Es schien mir eine leichte Übung, weil mir da soviel Segnungs-Überraschung entgegen leuchtete. Schon bald tauchten reichlich neue Weggefährten in meinem Lebensweg auf. –Ich nannte sie: `Die Hundertfachen´!

 

Nun schaue ich zurück: viele dieser `Reichlichen´ gingen inzwischen von dannen, Lauf der Zeit. Zurückgekehrt ins `Butterland´ zeigen sich mir nun die Verwandtschafts-Lücken, wegen meiner langen Abwesenheit Vorort. Die Enkel-Löcher tun sich auf. Die peruanischen, mir zugesellten `FamilienHundertfachen´ muss ich virtuell in mein Bewusstsein holen, um uns in unserer gewohnten gegenseitigen Lebens-Nähe zu verankern. Die Berührung fällt aus und ich suche nach Halt, beginne – trotz gegenteiliger Lebenserfahrung – nach Hilfe zu schreien, mich anzuklammern an das bisschen Reichtum, was mir bleibt: Wohnung, Bequemlichkeiten aller Art, die ich in meinen vorherigen Lebensabschnitten weder hatte noch brauchte, Andenken, Bücher… Und besonders die mir nahen Menschen… Denn gerade Letzteres hatte ich ja zuhauf. Schon tägl. morgens früh vor unserer Tür zu stehen.. und…und …und..

 

 Fazit:…wie herausfinden aus dem Verlust des Urvertrauens in diese Verheißung des Hundertfachen hinein? Ich lechze nach diesem Reichtum Mensch, auch das verzehrt einen, lenkt vom Weg ab. Im Geschenk und der Verheißung will ich mich neu orten, –

doch nicht allein auf weiter Flur. So ist dies mein Gebet heute:

 

Gott
ich stehe
fest
auf der Spur Jesu
und setze mich erneut in Gang
auf das Eigentliche zu…
auf das MAN SIEHT SICH
auf das MAN-DIENT SICH
auf das MAN-GEHT-MITEINANDER
 
im Loslassen
und im Zu-sich-selbst-Finden
gemeinsam durchs Nadelöhr.
Ins sogenannte Reich Gottes
was da ist
Gerechtigkeit
Hoffnung
und LIEBE
unter den Menschen
 
und all das als Wirklichkeit
nicht als SCHLAGWorte

© Text/ Foto Cristy Orzechowski—in ASD -Okt. 2021

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