Sonntagsbrief zum 27. Sonntag im Jahreskreis, 1. Oktober 2021

1. Oktober 2021 von Magnus Lux

Wir haben ein Gesetz… Bei euch soll es nicht so sein

Pfaffenhütchen Foto Sigrid Grabmeier

 

Jesus brach von dort auf und zog in das Gebiet von Judäa am anderen Ufer des Jordans. Wieder versammelten sich Mengen von Volk bei ihm, und wie gewohnt lehrte er sie. Pharisäerinnen und Pharisäer kamen hinzu und fragten ihn: „Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau ziehen zu lassen?“ Das wollten sie mit ihm klären. Jesus entgegnete ihnen: „Was hat euch Mose geboten?“ Sie sprachen: „Mose hat es gestattet, einen Scheidebrief zu schreiben und sie ziehen zu lassen.“ Da sagte Jesus zu ihnen: „Weil eure Herzen so hart sind, schrieb er euch dieses Gebot auf. Am Anfang der Schöpfung aber schuf Gott die Menschen männlich und weiblich. Deshalb wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen, wird ein Mann sich mit seiner Frau verbinden und eine Frau sich mit ihrem Mann. Und die zwei werden ein Fleisch sein. Also sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was Gott zum Paar verbunden hat, soll ein Mensch nicht trennen.“ Im Blick auf ihre eigene Situation fragten die Jüngerinnen und Jünger wie schon früher weiter nach. Jesus antwortete ihnen: „Wer seine Frau ziehen lässt und heiratet eine andere, der begeht ihr gegenüber Ehebruch. Lässt sie ihren Mann ziehen und heiratet einen anderen, dann begeht sie Ehebruch.“

 

Leute aus dem Dorf brachten Kinder zu Jesus, damit er sie berühre. Aber die Jüngerinnen und Jünger herrschten sie an. Als Jesus das sah, wurde er wütend und sagte zu ihnen: „Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran, denn sie gehören zu Gottes Reich. Ja, ich sage euch: Nur wer Gottes Reich wie ein Kind aufnimmt, wird dort hineingelangen.“ 16Und er nahm die Kinder in die Arme, segnete sie und legte die Hände auf sie.

 

 27. So B Mk 10,1-16 Bibel in gerechter Sprache

 

Wir haben ein Gesetz… Bei euch soll es nicht so sein

Als ich als junger Lehrer angefangen habe, hat mir ein Kollege ein Blatt Papier in die Hand gedrückt: Unterschiede zwischen Altem und Neuem Testament. Ein Wort ist mir in Erinnerung geblieben: Altes Testament – Gott des Gesetzes, Neues Testament – Gott der Liebe. Ich war mir damals schon nicht ganz sicher, ob das stimmt. Sind denn nicht die 10 Gebote „Weisungen“ für ein gutes Leben, auch wenn sie oft bis ins Kleinste aufgedröselt und Vergehen mit schärfsten Strafen geahndet wurden? Für Jesus ist das Doppelgebot der Liebe „Liebe Gott – und deinen Nächsten – wie dich selbst“ der Kern, an dem Gesetz und Propheten hängen. Beide Gebote finden wir freilich bereits im Alten Testament, wenn auch an verschiedenen Stellen! Und umgekehrt: Gibt es nicht auch im Neuen Testament Gebote? Das heutige Evangelium weist uns doch darauf hin: Was Gott zum Paar verbunden hat, soll ein Mensch nicht trennen.

Schauen wir uns die Geschichte genauer an. Die Frage an Jesus ist, ob ein Mann seine Frau ziehen lassen, also ihr einen Scheidebrief ausstellen darf. Jesus fasst das Thema aber weiter: Wer seine Frau ziehen lässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Das war neu; denn nach damaliger Vorstellung konnte nur die Frau die Ehe brechen, sie war ja der Besitz des Ehemannes. Wir sehen das an der Geschichte von der Ehebrecherin, die gesteinigt werden soll – vom beteiligten Mann ist nicht die Rede. Ehebruch begeht nach Jesus die Frau auch dann, wenn sie ihren Mann ziehen lässt. Auch das war neu, dass Mann und Frau die gleiche Stellung, die gleichen Rechte haben sollen – bis heute in der Kirche nicht verwirklicht.

Was Gott zum Paar verbunden hat, soll ein Mensch nicht trennen. Noch deutlicher in der uns geläufigen Form: Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen. Das ist doch eine klare Aussage! Das ist das „Gesetz Christi“, das ist „göttliches Gebot“, an das die Kirche unwiderruflich gebunden ist! Und kraft dieses „göttlichen Rechts“ werden geschieden Wiederverheiratete nicht zur Kommunion zugelassen. – Schauen wir auch hier genauer hin. Der Ehebruch beginnt für Jesus bereits mit dem Begehren einer anderen Frau, eines anderen Mannes (vgl. Mt 5,27-30); denn die Liebe und Treue wird in Frage gestellt. Es geht also nicht nur um einen Rechtsakt, sondern um eine innere Haltung. Aber die in der Kirche Verantwortlichen interessiert nur das „Gesetz“, also das Nachprüfbare; denn nur hier kann man zuschlagen. 

Die eheliche Verbundenheit in Liebe und Treue ist Sinnbild für die Liebe Gottes zu den Menschen, der Ehebruch Sinnbild für die Abkehr des Gottesvolkes von Gott*, der/die aber dennoch zu seinem Volk steht. Und was haben die Kleriker, die sich zu den allein Verantwortlichen in der Kirche erhoben haben, daraus gemacht? Ein unumstößliches Gesetz, das mit aller Härte verteidigt und durchgezogen wird. Geschieden wiederverheiratete Menschen werden gebrandmarkt und zu öffentlichen Sündern und Sünderinnen erklärt, sie dürfen in der Gemeinde keine Ämter mehr übernehmen und nicht mehr Religionsunterricht geben.

Wundert ihr euch, dass mir das unangenehm aufstößt, wenn ich sehe, wie andere Gebote von Jesus so gar nicht Beachtung finden? Da heißt es z. B. im Hinblick auf die damalige Machtstellung des Vaters: „Keiner von euch soll sich Vater nennen; denn wir haben nur einen Vater, den im Himmel.“ Wir jedoch haben sogar einen „Heiligen Vater“! Das ist aber der Titel, der in der Eucharistiefeier Gott zukommt: „Wir bringen dir, heiliger Vater, unsere Gaben dar.“ Macht nichts. Das muss man verstehen: Im ersten Fall geht es um die popligen Laien, im zweiten um die erhabenen Kleriker. Da verbietet sich jeder Vergleich von selbst. Apropos Kleriker: Im Neuen Testament sind alle Getauften Kleriker, d.h. von Gott Erwählte, und alle sind Laien, also Mitglieder des Volkes Gottes. Und „nur einer ist euer Meister, ihr alle seid Brüder und Schwestern“. Kleriker nennen sich untereinander freilich „Mitbrüder“, um sich auch sprachlich von der Masse, dem niederen Volk abzuheben. 

Und noch immer gilt in Rom der Grundsatz der alten Römer: Quod licet Jovi, non licet bovi – was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Rindvieh nicht erlaubt. Bei der Beisetzung von Johannes Paul II. hat der damalige Glaubenspräfekt Ratzinger dem evangelischen Frère Roger von Taizé die Kommunion gereicht – dem „Ansinnen“ der Deutschen, beim Ökumenischen Kirchentag eucharistische Gastfreundschaft zu halten, wurde von Rom ein Riegel vorgeschoben: dafür gebe es nicht einmal einen Gewissensspielraum (!). Der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer hat von Papst Benedikt als geschieden Wiederverheirateter die Kommunion empfangen; Kardinal Woelki hat das ausdrücklich verteidigt – ansonsten gilt natürlich das Gesetz. Segnung homosexueller Paare bleibt von Rom ausdrücklich verboten – fröhliche Gay-Partys der Prälaten im Vatikan bis in die höchsten Kreise schmälern die römische Homophobie offenbar nicht; na gut, die sind nicht verheiratet und stehen auch nicht in dauerhafter Liebe füreinander ein. Da wird festgestellt, dass Bischöfe in Sachen sexueller Missbrauch nicht nur Fehler begangen, sondern ganz offensichtlich mehrfach gegen die römischen Vorschriften verstoßen haben. Sie haben deshalb sogar ihren Rücktritt angeboten. Doch von Rom heißt es: Nein, nein, Kinder, zurücktreten, das dürft ihr nicht; das ist doch auch gar nicht nötig, es war ja keine böse Absicht dahinter. Quod licet Jovi, non licet bovi.

So vieles in unserer Kirche erinnert mich noch an pharisäische Heuchelei und Hartherzigkeit. So vieles sehe ich als sakrale Überhöhung des Klerikerstandes, wo doch von zwei Ständen, von einer Hierarchie, einer heiligen Herrschaft, im Neuen Testament nie die Rede ist. So vieles macht deutlich, dass die Kirchenleitungen sich nicht wie die Diener der Freude, sondern wie die Herren der Gemeinde benehmen und im Neuen Testament die Rechtfertigung dafür gefunden zu haben vorgeben. 

Der Mann aus Nazaret, der Wanderprediger Jesus, den wir als den Christus bekennen, ist auf die Menschen zugegangen, auf alle Menschen ohne Unterschied, und hat ihnen die Liebe Gottes zugesprochen hat, auch und gerade denen, die nicht auf Linie waren. Das kommt mir in unserer Kirche viel zu wenig vor. Immer noch gilt zu sehr, was im Hohen Rat zu seiner Verurteilung geführt hat: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetze muss er sterben. Die seinen Namen tragen, die Christinnen und Christen, müssten sich daran erinnern, was Jesus seinen Leuten mit auf den Weg gibt: „Bei euch soll es nicht so sein!“

Magnus Lux

Foto: Sigrid Grabmeier

Pfaffenhütchen

Alle Pflanzenteile, vor allem die Samen, enthalten Giftstoffe, darunter herzwirksame Glykoside und verschiedene Alkaloide. Selbst große Weidetiere können daran sterben. Aus den vermahlenen Samen wurden früher Insektenpulver hergestellt, als Shampoo oder in Salben sollte das Pulver sogar die von Milben verursachte Krätze heilen. Auch für den Menschen ist das Pfaffenhütchen gefährlich. Der Genuss der Früchte kann zu Kreislaufstörungen, Fieber und Koliken führen. Die Giftwirkung tritt erst nach wenigstens zwölf Stunden auf. In Extremfällen kann es beim Verzehr von 30 bis 40 Samen zu tödlichen Lähmungen kommen. Nabu

 

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