Sonntagsbrief zum 26. Sonntag im Jahreskreis, 27. September 2020

25. September 2020 von Magnus Lux

Ehrenwerte Gesellschaft

Stephan Voigtländer: Der verlorene Sohn, Figurengruppe in Warn an der Müritz Foto Sigrid Grabmeier

„Wie denkt ihr über folgenden Fall? Ein Mann hatte zwei Kinder. Er kam zum ersten und sagte: `Mein Kind, geh' heute und arbeite im Weinberg.´ Der Junge antwortete: `Ich will nicht.´ Später tat es ihm leid und er ging. Der Vater kam zum zweiten und sprach genauso. Dieser Junge antwortete: `Ja, Herr´, aber er ging nicht.Wer von beiden hat den Willen des Vaters getan?“ Sie antworteten: „Das erste Kind.“ Jesus sagt zu ihnen: „Wahrhaftig ich sage euch mit allem Ernst: Die Zöllner und die Prostituierten werden vor euch in Gottes Welt gelangen. Johannes kam zu euch mit der Praxis der Gerechtigkeit, und ihr habt ihm nicht geglaubt. Die Zöllner und die Prostituierten haben ihm geglaubt. Und ihr – obwohl ihr das gesehen habt – seid doch nicht umgekehrt, um ihm endlich doch zu glauben.“

MT 21, 28-32 Bibel in gerechter Sprache

 

Ehrenwerte Gesellschaft

 

Was ist denn das für ein Evangelium! Das soll „Frohe Botschaft“ sein? Die Zöllner, damals die öffentlichen Sünder, weil sie für die römische Besatzungsmacht arbeiteten und die eigenen Leute betrogen haben, die sollen den Vorrang haben vor den Gottesfürchtigen und den Frommen? Die Prostituierten noch dazu? Ja wo sind wir denn hingeraten! Auch die Frommen unserer Tage sehen in den Prostituierten vielfach den Abschaum – die Männer, die zu den Prostituierten gehen, gehören natürlich nicht dazu, es sind halt Männer mit ihren männlichen Bedürfnissen. Bei den öffentlichen Sündern sind wir uns da nicht so einig. Ob’s die überhaupt noch gibt? Na ja, die Mafia vielleicht, hat man so gehört. Aber bei uns??? 



Ertappt! Die Selbstgerechtigkeit treibt fröhliche Urständ. Nein nein, wir sind okay. Uns kann man da nichts vorhalten. Wenn Gott ruft, dann sind wir zur Stelle. Na ja, vielleicht nicht sofort, aber dann schon, wir sind doch Christen – na ja, Christinnen nehmen wir, wenn’s sein muss, auch dazu; aber eigentlich sind die ja immer „mitgemeint“. Wir tun, was in unserer Macht steht.



Halt, jetzt wird’s zu kompliziert! Also worum geht’s? Das Kind soll im Weinberg arbeiten. „Weinberg“ ist ein Bild dafür, dass ein Mensch sich für das „Reich Gottes“ einsetzt, also das tut, was richtig und zum Heil der Menschen ist – „Heil“? Also vielleicht so: Was den Menschen dient, wirklich Mensch sein zu können. Und jetzt kommt’s: Das Kind sagt ja, tut aber nichts! Da fällt mir die derzeitige Politik ein: Ja natürlich sind wir das christliche Abendland und stolz auf unsere christliche Tradition. Und wir wollen das Christ-Sein auch hochhalten. – Freilich Flüchtlinge aufnehmen, das geht überhaupt nicht. Und da fällt mir unsere Kirche ein: Ja selbstverständlich ist Jesus mit den Frauen anders umgegangen als seine jüdischen Zeitgenossen, und das halten wir hoch! Bei uns ist es selbstverständlich, dass Frauen die gleiche Würde haben wie die Männer. – Freilich die gleichen Rechte können sie nicht beanspruchen, den Satz „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, als Mann und Frau schuf er sie“ hin oder her!



Und da sind wir beim anderen Kind. Das sagt erst mal nein. Und dann tut es doch das Richtige. Da fallen mir die vielen Menschen ein, die vielleicht mit der Kirche nichts mehr am Hut haben wollen, also nach unserer Vorstellung nein zu Gott sagen, aber die sich einsetzen für die Menschen in ihrer Umgebung, für die Menschen, gerade jetzt in der Krise; die sich einsetzen für die Notleidenden weltweit; die nicht Rast und Ruh geben, die Solidarität mit allen Menschen einzufordern und die sich für die Erhaltung der Schöpfung einsetzen, auch wenn sie es nicht so nennen.



Wer also hat den „Willen des Vaters“ getan? Der Fromme, der auf seinen Glauben nichts kommen lässt, der aber nur darum kreist und ihn nicht in dieser unserer Welt wirksam werden lässt – oder der, der einfach tut, was die Menschen brauchen? Wie wäre es, wenn wir uns als die Frommen, aber Untätigen auf die Seite des Kindes schlagen würden, das letztlich das Richtige tut? Dann würden wir die nicht mehr geringschätzen, die nicht so auf der kirchlichen Linie abfahren.

Magnus Lux

Bild: Stephan Voigtländer: Der verlorene Sohn, Figurengruppe in Waren an der Müritz, Foto Sigrid Grabmeier

 

 

 

 

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