Sonntagsbrief zum 26. Sonntag im Jahreskreis, 25. September 2022

23. September 2022 von Johannes Brinkmann

Ohren spitzen!

Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag glanzvolle Feste feierte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war.  Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.  Es geschah aber: Der Arme starb und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben.  In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von Weitem Abraham und Lazarus in seinem Schoß.  Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus; er soll die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer.  Abraham erwiderte: Mein Kind, erinnere dich daran, dass du schon zu Lebzeiten deine Wohltaten erhalten hast, Lazarus dagegen nur Schlechtes. Jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest große Qual.  Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.  Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! 28 Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören.  Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Darauf sagte Abraham zu ihm: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

Lk 16, 19-31 Einheitsübersetzung 

 

Ohren spitzen!

 

Ich zäume das Pferd mal von Hinten auf. „Sie haben Mose und die Propheten, auf sie sollen sie hören.“ Ich frage mich, ob eine entsprechende und angemessene moderne römisch katholische Übersetzung „Sie haben das Lehramt und die Bischöfe, auf sie sollen sie hören.“ heißen darf oder sogar müsste?

Da melde ich erhebliche Bedenken an!

 

Im Zentrum des zitierten Satzes aus dem heutigen Evangelium steht das Wort ‚hören'. Man könnte es auch mit ‚horchen' oder 'Ohren spitzen' übersetzen. Ein Vorgang ist gemeint, der vom bloßen Hören zum Verstehen führt.

 

Die Ursünde der Führung der römischen Kirche besteht m.E. darin, dass sie das Wort ‚horchen' zu ‚gehorchen' umgewandelt hat. Statt die Ohren der Gläubigen zu schärfen, ihren Sensus für die Heilige Geistkraft zu stärken, damit sie aus all den Stimmen in der Zeit die Stimme GOTTES herauszufiltern lernen, haben sie diesen Sensus behindert, ja verschüttet! Anstatt die Gläubigen zu lehren, angstfrei auf wankenden Planken, ja auf Wasser zu gehen, haben sie die Illusion abolut stabiler Planken vermittelt, nach dem Motto: Ihr braucht nicht selber denken, Ihr braucht nur unsere Lehre gehorsam, ja blind gehorsam, anzunehmen und ihr seid in Sicherheit, ja in absoluter Sicherheit!

 

Diese Lehrer haben sich an die Stelle GOTTES gesetzt. Jede und jeder, die oder der ihrer Lehre nicht zustimmt, stellt sich damit außerhalb der Kirche, exkommuniziert sich selbst oder wurde von der Kirche exkommuniziert und über Jahrhunderte sogar auf Scheiterhaufen verbrannt. Niemand kann kommen, voll von Heiligem Geist, die oder der etwas verkündet, das nicht voll und ganz ihrer Lehre entspricht. Sollte sie oder er es dennoch wagen, ist dieser jemand automatisch eine falsche Prophetin oder ein falscher Prophet und wird vor die Tür gesetzt. Gekreuzigt werden muss da niemand mehr, es reicht aus, sie oder ihn einfach zu ignorieren!

 

Insofern ist der sogenannte „synodale Weg“ hier in Deutschland ein Schritt in die richtige Richtung, um den alten Frevel, die Ursünde der römischen Kirche, wieder wett zu machen. Umso erschreckender ist es, wenn einzelne Bischöfe immer noch auf das System des blinden Gehorsams setzten und selbstverständlich erwarten, dass das Volk bei ihnen bleiben muss, selbst dann, wenn sie selber nicht beim Volk bleiben. Oder wie es die Ordensschwester Katharina Kluitmann ausrief: „Es kann doch nicht sein, dass die Gläubigen bei den Bischöfen bleiben müssen, aber die Bischöfe bleiben nicht bei uns!“

 

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf den namenlosen Reichen zurückkommen, der unbekümmert in seinem Reichtum schwelgt, während vor seiner Tür der arme Lazarus um Erbarmen fleht. Nach dem Tod der beiden kehren sich dann die Verhältnisse dramatisch ins Gegenteil um.

 

Unser Sinn für Gerechtigkeit sitzt in den Ohren zusammen mit dem Gleichgewichtssinn.

 

Und wenn jemand tatsächlich davon ausgehen sollte, dass es GOTT gefällt, wenn Reiche ungehemmt ihren Reichtum auskosten, während sie für die Armen keinen Blick haben, dann haben sie in Wahrheit überhaupt keine Ohren!

 

Eine neue Club-of-Rome-Studie fordert drastische Schritte für eine lebenswerte Zukunft. Derzeit werde die Saat für den Zusammenbruch ganzer Weltregionen gelegt - ohne eine Umverteilung des Reichtums lasse sich die Klimakrise nicht lösen. Der Umbau müsse "noch in diesem Jahrzehnt" beginnen. "Wir werden die Welt nicht retten, wenn nicht die reichsten zehn Prozent die Rechnung bezahlen“ mahnt die Studie. Ferner müssten die vermögendsten Menschen in allen Ländern stärker besteuert werden.

 

Die Gründer des Club-of-Rome hatten bereits 1965 bei einem Treffen in Rom eine "selbstmörderische Ignoranz" als Ursache für den "Irrweg der Menschheit" identifiziert. 1972 erschien die von der Gruppe in Auftrag gegebene Studie "Die Grenzen des Wachstums". Der viel beachtete Bericht warnte schon damals: wenn das Wachstum von Bevölkerung, Wirtschaft und Konsum ungehindert weitergehe, drohe Mitte des 21. Jahrhunderts die Katastrophe, Nahrungsmittel und Ressourcen würden schwinden.

 

Auch diesem Frevel muss nun beherzt ein Ende bereitet werden! Damit das gelingt bedarf es eines scharfen Sinnes für die Geistkraft GOTTES! Ein 'weiter so' oder ein ‚zurück' in fatale falsche Machtstrukturen darf es nicht geben!

 

Einen gesegneten Sonntag in die ganze Runde

Johannes Brinkmann / Essen

www.johannesbrinkmann.de

 

Als Antwort auf die tiefe Krise der römisch-katholischen Kirche und des damit einhergehenden Bedeutungsverlustes in unserem Land kommen Reformgruppen, Betroffeneninitiativen sowie katholische Verbände und Initiativen zu einer Kirchen­Volks­Konferenz am 24. und 25. September­ 2022 in Köln zusammen und laden alle Interessierten und Engagierten aus nah und fern herzlich dazu ein.

Am Freitag, 23. September 2022 findet am selben Tagungsort, der Jugendherberge Köln-Deutz, die 47. öffentliche Wir sind Kirche-Bundesversammlung statt.

Die Gesamtorganisation erfolgt durch die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche.

Weitere Informationen und Anmeldung hier: KirchenVolksKonferenz

 

 

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