Sonntagsbrief zum 25. Sonntag im Jahreskreis, 24.September 2017

19. September 2017 von Hans Kirsch

Die Arbeiter im Weinberg - ein Gleichnis über Güte, Gerechtigkeit und Solidarität

Familie bei der Arbeit in einem Baumwollfeld in Mali, 2002 © Olivier EPRON

„Die Welt Gottes ist in der folgenden Geschichte mit der Wirklichkeit eines Menschen, und zwar eines Grundbesitzers, zu vergleichen. Er ging gleich am frühen Morgen los, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Nachdem er mit den Arbeitern einen Denar für den Tag vereinbart hatte, schickte er sie in den Weinberg. Und als er um die dritte Stunde hinging, sah er andere arbeitslos auf dem Markt stehen. Auch zu ihnen sagte er: ´Geht auch ihr in den Weinberg, und ich werde euch geben, was recht ist.` Und sie gingen da hin. Um die sechste und neunte Stunde ging er wieder hin und tat dasselbe. Als er um die elfte Stunde hinkam, fand er andere dort stehen und sagt zu ihnen: ´Warum steht ihr hier den ganzen Tag arbeitslos?` Sie antworten ihm: ´Weil niemand uns eingestellt hat.` Er sagt zu ihnen: ´Geht auch ihr in den Weinberg.` Als es Abend geworden war, sagt der Weinbergbesitzer zu seinem Aufseher: ´Rufe die Arbeiter und zahle ihnen den Lohn aus. Fange bei den letzten an, bis zu den ersten.` So kamen die von der elften Stunde und erhielten je einen Denar. Als die ersten kamen, meinten sie, dass sie mehr bekommen würden. Doch auch sie erhielten je einen Denar. Sie nahmen ihn und beschimpften den Grundbesitzer: ´Diese letzten da haben eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleich gemacht, die wir doch die Last des Tages und die Hitze aushalten mussten.` Er sagte zu einem von ihnen: ´Mein Lieber, ich tue dir kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm, was dir gehört, und geh! Ich will nämlich diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder ist es etwa nicht erlaubt, mit meinem Eigentum zu machen, was ich will? Bist du etwa neidisch, weil ich gütig bin?` Vergleicht! Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten die Letzten.«

Mt 20,1-16  Bibel in gerechter Sprache

Zeit der Weinlese, die Trauben sind reif und müssen eingebracht werden, bevor der lange Regen kommt. Deswegen heuert der Gutsbesitzer schon morgens um sechs Uhr auf dem Marktplatz Arbeiter für seinen Weinberg an, zum üblichen Tageslohn von einem Denar. Um neun, zwölf und drei Uhr stellt er weitere Männer ein und will ihnen geben, „was recht ist“; sogar um fünf Uhr am Abend holt er nochmals Nachschub. Das war eine empfohlene Methode, um Geld zu sparen; denn die später Eingestellten wurden, wenn überhaupt, nur kärglich entlohnt. – Aber für diese Männer zählte schon die Hoffnung auf eine Mahlzeit, und wenn sie ihren Kindern vielleicht sogar ein paar süße Trauben mitbringen konnten, durften sie wenigstens mit ein wenig Selbstachtung zu ihrer bitterarmen Familie heimkehren, anstatt wieder einmal mit leerem Magen und leeren Händen sagen zu müssen: „mich hat niemand angeworben“.

Diese Tagelöhner gehörten nicht zu den Armen („penetes“), die gerade so mit ihrem Leben zurechtkamen, denen aber nichts zur Vorsorge übrig blieb, sondern zu den Bitterarmen (die griechische Sprache hat ein eigenes Wort dafür („ptochoi“ ); die von Tag zu Tag ums Überleben zu kämpfen hatten. Ihre Behausung war dürftig und bestand meist nur aus einem Raum für die ganze Familie. Ihre Kleidung war ärmlich und abgetragen, ein Obergewand zu besitzen galt schon als Reichtum; es diente in der Nacht zum Zudecken und musste deswegen, wenn es als Pfand genommen wurde, am Abend wieder zurückgegeben werden. Hunger und Krankheit waren in diesen Familien ein häufiger Gast. Bis zum Frühjahr waren ihre Getreidereserven aufgezehrt. Dann „aßen sie Zweige, und Schösslinge von Bäumen und Büschen sowie Knollen und Wurzeln unverdaulicher Pflanzen; sie füllten sich mit wilden Kräutern und kochten auch frisches Gras“, so ein zeitgenössischer Bericht.

Bei den Leuten, die so leben mussten, handelte es sich zur Zeit Jesu nicht um eine kleine Gruppe von Faulenzern oder vom Pech verfolgten, sondern um einen bedeutenden Teil der Bevölkerung, mancherorts sogar um die Mehrheit. Ihnen ging es schlechter als den Sklaven. Deren Kost und Logis war garantiert, weil ihre Herren ihre Arbeitskraft erhalten mussten, damit sie rentabel blieben.

Um das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg nicht als schöne karitative Episode misszuverstehen und um es für uns heute fruchtbar zu machen, muss der Frage nachgegangen werden, wie es soweit kommen konnte in Palästina, das einst von freien Kleinbauern bewohnt war, die ein reichliches Familieneinkommen erwirtschafteten.

Schon immer mussten an den jüdischen Staat und Tempel kräftig Steuern bezahlt und Abgaben geleistet werden: a) Tempelsteuer, b) Erstlinge von Getreide, Früchten und Vieh, c) etwa 2% der Ernten als Priesterhebe, d) der erste, zweite und dritte Zehnt. Seit der Eroberung Jerusalems im Jahr 63 vor Christus hatten die Juden zusätzlich an die Römer gewaltige Abgaben zu leisten: a) Naturalabgaben (Getreide, Öl, Wein, Gemüse) bis zu 25% der jeweiligen Ernte; b) eine Kopfsteuer prozentual vom registrierten Vermögen; c) Naturalabgaben und Fronarbeiten zur Unterhaltung der Besatzungstruppen. Addiert man diese Abgaben- und Steuerverpflichtungen, dann wundert weder der massenhafte Verarmungs- und Verelendungsprozess, noch, dass sich im Untergrund antirömischer Widerstand organisierte. Dessen Aktivisten wurden in den Evangelien als Räuber bezeichnet, was aber ihrer eigentlichen Zielsetzung nicht gerecht wird. Zwei von ihnen wurden mit Jesus gekreuzigt.

Die unerträglichen Lasten hatten zusätzlich einen perfiden Mechanismus in Gang gesetzt, der die Verelendung vieler Kleinbauern unausweichlich machte. Diese waren immer wieder gezwungen, von Besitzern größerer Güter ein Darlehen aufzunehmen, sei es wegen Missernten oder weil eine Kohorte römischer Soldaten über die Felder marschiert war. Im nächsten Jahr erhöhten sich dann die üblichen, kaum zu erbringenden Abgaben noch um die Verpflichtungen aus dem Darlehen. Kam dann eine Krankheit oder sonstiges Unbill hinzu, musste das Darlehen sogar erhöht werden. So dauerte es oft gar nicht lange bis der Gläubiger ankam und sagte… Du wirst das alles samt der angefallenen Zinsen nie mehr zurückzahlen können. Deswegen übernehme ich deine Äcker oder deinen Olivenhain. Von jetzt an wirst du als Pächter darauf arbeiten, in meinem Haus vielleicht auch deine tüchtige Frau oder hübsche Tochter (Schuldversklavung).

Dieser Transfer von unten nach oben, von den Schwachen zu den Starken, war zum üblichen Geschäftsmodell einer skrupellosen „Elite“ geworden. Nach vielen Jahrzehnten hatten diese stillen Enteignungen in wachsendem Tempo zu dem Zustand geführt, den wir im Gleichnis vorfinden: Der fruchtbare Boden Palästinas befand sich fast ausschließlich im Besitz reicher Bauern und Großgrundbesitzer, den Kleinbauern indessen nur das wenig fruchtbare Land an den Hängen und Hügelkuppen geblieben. Aus den vielen ehemals freien Kleinbauern waren abhängige Pächter geworden, die auf ehemals eigenem Acker schuften mussten, um den Gutsherren oder Großgrundbesitzern den Hauptertrag der Ernte abzuliefern, während ihnen und ihrer Familie nur das Notwendigste blieb.

Andere mussten nach Jahren der Tilgungsrückstände ihr gesamtes Land hergeben. Ihnen blieb nur eine ärmliche Behausung, ein einziger Raum für die ganze Familie, und ein paar Quadratmeter um die Hütte herum. Sie mussten als Tagelöhner Arbeit suchen, im Frühjahr bei der Aussaat, im Herbst beim Einbringen der Ernte. Auch als Türhüter oder zum Heuschreckenfangen und Gurkenwaschen konnten sie eingesetzt werden, sogar mit Frau und Kindern, die ansonsten z.B. mit Webarbeiten ein kleines Zubrot verdienten.

Kommen wir nun zum Gutsherrn und seinen Tagelöhnern zurück. Er verhält sich zunächst genau so, wie das die rein wirtschaftlich kalkulierenden Herren so tun. Nicht schon am Morgen alle notwendigen Arbeiter für einen Denar verdingen, sondern nach und nach im Tagesverlauf genau so viele wie zur Erledigung der Arbeit notwendig sind. Die kann man mit einer Mahlzeit abspeisen, das spart Geld. Am Ende des Tages kommt aber die absolut unerwartete Überraschung: Der Gutsherr zahlt allen, auch denen, die nur eine Stunde gearbeitet haben, den vollen Tageslohn von einem Denar.

Damit vollzieht er einen sehr intelligenten und interessanten Systembruch:

- Er bricht mit dem System, aber nicht so, dass er zum revolutionären Held wird. So bleibt er, was er ist, Gutsherr, aber er hat sich zu einem Gutsherrn gewandelt, der nicht mehr ausbeutet. 
- Er hat einen Blick für die Realität der Tagelöhner. Jeder braucht und bekommt den vollen Tageslohn. Das kostet ihn zwar etwas, beeinträchtigt aber nicht die Funktionsfähigkeit seines Betriebs. Es ist nur ein kleiner Schritt, aber ein sofort gangbarer, dem weitere folgen können. Es ist ein Schritt der Versöhnung und Ermunterung, ein Erweis von Güte. 
- Dieser Grundbesitzer sollte nicht – was studierte Theologen so gern tun – vorschnell mit dem „lieben Gott“ identifiziert und die Lohnzahlung in den Himmel verlegt werden. Das Gleichnis hat eine politische Dimension. Es geht um Gerechtigkeit, aber nicht um die Leistungsgerechtigkeit, welche die Arbeiter der ersten Stunde verletzt sahen, sondern um eine grundlegendere Gerechtigkeit, um das fundamentale Recht zu leben, die Basis aller anderen Rechte. Dieses Recht erforderte, dass auch die Tagelöhner, die nur eine Stunde gearbeitet hatten, soviel bekamen, dass sie mit ihrer Familie überleben konnten. Ein Denar pro Tag war damals das äußerste Minimum.
In heutige Sprache übersetzt fordert dieses Gleichnis Mindestlohn, der die Existenz sichert.Denn die Familien der Tagelöhner damals wie heute haben jetzt Hunger – auf Brot, Wohnung und Arbeit (trigo, techo, trabajo).Wenn wir den Begriff „Gutsbesitzer“ mit Fabrikbesitzer oder Fonds-Anteilseigner übersetzen und nachvollziehen, wie so viele Billigpreise für Güter aller Art zustande kommen, müssten wir eigentlich erkennen, dass hier ein brisantes globales politisches Thema angesprochen ist.
- Was der Gutsherr tut, ist nachahmungsfähig. Jeder kann jeden Tag etwas Entsprechendes tun; das müssen keine Heldentaten sein, einem Gebrechlichen die „Vorfahrt“ lassen, auf der Straße oder an der ALDI-Kasse, einem Flüchtling helfen Deutsch zu lernen, einmal weniger oder billiger essen gehen und die 20 oder 50 Euro an Brot für die Welt oder Misereor überweisen. Nicht immer das Neuste und Beste haben zu müssen, schafft Platz für Freigebigkeit und Ruhe für die gestresste Psyche.

Wie es der Gerechtigkeit der Reichen gegenüber den Armen bedarf, so auch der Solidarität der Armen untereinander. Die Tagelöhner der ersten Stunde murren gegen den Gutsherrn. Ihr Sprecher, sicher ein fleißiger und ehrlicher Mann reklamiert mutig, aber sachlich, Leistungsgerechtigkeit: „Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und Hitze ertragen.“ Ihr Ärger ist verständlich, ihr Mut und die sachliche Argumentation so anerkennenswert wie die nüchtern-freundliche Antwort des Gutsherrn: „Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht … ich will dem letzten eben soviel geben wie dir.“
Eigentlich hätten sich doch die Arbeiter der ersten Stunde freuen müssen, dass sie den ganzen Tag arbeiten durften und einen Tageslohn heimbringen konnten. Und (!) sie hätten sich mit allen später eingestellten Kollegen – bettelarm und arbeitswillig wie sie selbst – mitfreuen müssen, dass auch sie mit einem Denar heimgehen konnten. Schließlich herrschte in allen Tagelöhnerfamilien der gleiche Hunger. Dies mitfühlend zu erkennen und sich gemeinsam über den gleichen Lohn zu freuen, wäre ein Zeichen von Solidarität gewesen. Da kann ein Lernprozess einsetzen, der auch den Gutsherrn darin bestärkt, seine Güte beizubehalten. Sein Hof wird daran keinen Schaden leiden, die Arbeitsleistung für ihn und die Achtung vor ihm aber steigen.

Mich erstaunt immer wieder, mit welch einfachen Geschichten Jesus Grundlegendes zu sagen wusste, verständlich für alle Menschen offenen Herzens und gültig für alle Zeiten. Es allerdings immer wieder neu mit Wort und Tat in die aktuelle Wirklichkeit übersetzt werden. So zeigt sich die Wahrheit und Attraktivität des christlichen Glaubens.

„Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der …“, so die Einleitung des heutigen Evangeliums; und man kann nur wünschen und beten, dass es wirklich komme, immer wieder und überall neu anfange wie in diesem Weinberg.

Prof. Hans Kirsch

hans.kirsch@gmx.de

Bild: Familie bei der Arbeit in einem Baumwollfeld in Mali, 2002 © Olivier EPRON Olivierkeita

 

Zurück