Sonntagsbrief zum 25. Sonntag im Jahreskreis, 23. September 2018

21. September 2018 von Regina Grotefend-Müller

„…sondern wir sind nur Mitarbeiter, die zu eurer Freude beitragen sollen (2 Kor.1,24)…“

Warum? © Regina Grotefend-Müller

Von dort brachen sie auf und zogen durch Galiläa. Und Jesus wollte nicht, dass es jemand erfährt.

Denn Jesus wollte seine Jünger lehren und ihnen sagen, was ihm bevorstand: "Der Menschensohn wird ausgeliefert werden in die Hände der Menschen. Sie werden ihn töten. Aber nach drei Tagen wird er auferstehen." Aber die Jünger verstanden nicht, was Jesus sagen wollte. Und sie scheuten sich, ihn danach zu fragen. Wer ist bei Gott wichtig? Jesus und seine Jünger gingen nach Kafarnaum.

Als sie zu Hause angekommen waren, fragte er sie: "Worüber habt ihr euch unterwegs gestritten?" Die Jünger schwiegen. Sie hatten unterwegs darüber gestritten, wer von ihnen der Wichtigste ist.

Jesus setzte sich, rief die Zwölf zu sich und sagte zu ihnen: "Wer der Erste sein will, muss der Letzte von allen werden und allen anderen dienen." Dann rief er ein Kind herbei und stellte es in ihre Mitte. Er nahm es in den Arm und sagte zu den Jüngern: "Wer ein Kind wie dieses aufnimmt und sich dabei auf mich beruft, der nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt nicht nur mich auf, sondern auch den, der mich gesandt hat."

Mk 9,30-37 Basis Bibel

 

„…sondern wir sind nur Mitarbeiter, die zu eurer Freude beitragen sollen (2 Kor.1,24)…“

Mal ehrlich: kann man als römisch-katholische Christin oder Christ der Überschrift des heutigen Sonntagsbriefes des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth noch Glauben schenken ? Mitarbeiter, die zur Freude aller beitragen, bezogen auf kirchliche Leitungsämter, stehen seit langem unter höchst gerechtfertigter Kritik, spätestens seit im Jahr 2010 eine schier unermesslich große Zahl an Delikten sexualisierter Gewalt durch Priester, Diakone und leider auch anderer Mitarbeiter in kirchlichen Diensten ans Tageslicht kamen. Dem Paulus-Zitat ist ein erster Halbsatz vorangestellt:

“Wir sind schließlich nicht Herren über euren Glauben“. Die schrecklichen, psychisch wie physisch massiv grausamen Akte sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen wurden gerade erst in einer Studie, die durch die Deutsche Bischofskonferenz beauftragt wurde, bestätigt- und zeigten doch „nur“ die aktenkundig belegten Fälle auf. Unbekannt wie unberücksichtigt ist und blieb eine Dunkelziffer im Bereich der Orden und Klöster.

Pater Klaus Mertes, der 2010 als Schulleiter des Berliner Canisius-Kollegs einen dortigen Missbrauchsskandal öffentlich machte, sagte dazu in einem aktuellen Interview des Deutschlandfunks: „Das Problem aber ist und bleibt, daß die Kirche selbst der Auftraggeber ist, und damit stellt sich auf der Rezeptionsseite eine Glaubwürdigkeitsfrage. Das ist die Strukturfrage...Aber auch diese Bischofskonferenz wird sich [ ]mit der Frage beschäftigen [ ] : kann die Kirche, die Institution selbst, die ja Teil des Problems ist, sich selbst aufklären und aufarbeiten und das Problem lösen? Ich würde mir von solch einer Bischofskonferenz die Einsicht wünschen : wir schaffen es nicht… weil es von der Struktur her nicht klappt.“

Wie formulierte es Paulus :„Wir sind schließlich nicht Herren über euren Glauben, sondern nur Mitarbeiter, die zu eurer Freude beitragen sollen.“ Ich nehme einmal an, dass auch moralische Vorstellungen inkludiert gemeint sind…

Der heutige Evangeliumstext nach Markus 9, 30-37 stellt u.a. ganz genau diese Frage nach den „Ersten und Letzten“. Dies war der Knackpunkt für die Frauen und Männer um Jesus und ihre Beziehungen zu ihm: welche Position würden sie im Reich Gottes einnehmen können ? Auch wir heute möchten ganz gern oben sein, an erster Stelle. Jesus aber rät dagegen, das Glück und Zufriedenheit unten zu suchen. Wir sollen wie Kinder sein, die Hände offen halten, um viel zu empfangen. Ehrgeiz, eigene Befriedigung verbunden mit Macht, Ruhm, Herrschaft verträgt sich nicht mit einem christlichen Leben.

Wenn Mitarbeiter in kirchlichen Diensten, egal in welcher Position sie stehen, sich an den Schwachen, den Kindern und Jugendlichen, derart vergreifen, und damit ihre Machtposition ausnutzen und festigen, dann haben sie nichts von dem verstanden, was Jesus selbst vorgelebt hat und wofür er stand! Im Gegenteil! Sie haben damit die Herrschaft, die Macht, die Abhängigkeit durch implizierte Vertuschung in den Fokus gesetzt, ihre Stellungen ausgenutzt und damit größten Schaden angerichtet, größte Sünden begangen. „Wer ein Kind wie dieses aufnimmt und sich dabei auf mich beruft, der nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt nicht nur mich auf, sondern auch den, der mich gesandt hat.“ Missbrauchte Kinder und Jugendliche sind göttliche Geschöpfe mit einer eigenen, bewundernswerten, schützenwerten einmaligen Würde; in ihnen bildet sich Gott selbst ab.

Von einer „Aufnahme dessen, der mich gesandt hat“ kann man in den Fällen sexueller Gewalt nicht sprechen, sie sind kriminell und tiefste Verhöhnung menschlich verbriefter Würde, die in jedem einzelnen Punkt dem jesuanisch-christlichen und damit göttlichem Willen widersprechen. Klaus Mertes fordert zu recht, dass Bitte um Verzeihung zu wenig ist angesichts der eigentlich notwendigen Empörung, die aus dem Kirchenvolk selbst erwachsen muss inklusive entsprechender Konsequenzen, die die Kirche auf vielen Ebenen, vor allem aber auf der strukturellen Ebene ziehen muss, um noch eine Zukunft zu haben.

  

Regina Grotefend-Müller

Warum? © Regina Grotefend-Müller; 

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