Sonntagsbrief zum 25. Sonntag im Jahreskreis, 20. September 2020

18. September 2020 von Regina Grotefend-Müller

Ich mache mein Gericht gleich einem Reigentanz

Weinberg - Foto Regina Grotefend-Müller

Jesus fuhr fort: »Das Himmelreich gleicht einem Grundbesitzer: Er zog früh am Morgen los, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Lohn von einem Silberstück für den Tag. Dann schickte er sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder los. Da sah er noch andere Männer, die ohne Arbeit waren und auf dem Marktplatz herumstanden . Er sagte zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen. Ich werde euch angemessen dafür bezahlen.‹ Die Männer gingen hin. Später, um die sechste Stunde, und dann nochmal um die neunte Stunde machte der Mann noch einmal das Gleiche.

Als er um die elfte Stunde noch einmal losging, traf er wieder einige Männer, die dort herumstanden. Er fragte sie: ›Warum steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?‹ Sie antworteten ihm: ›Weil uns niemand eingestellt hat!‹ Da sagte er zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen!‹

Am Abend sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: › Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.‹ Also kamen zuerst die Arbeiter, die um die elfte Stunde angefangen hatten. Sie erhielten ein Silberstück. Zuletzt kamen die an die Reihe, die als Erste angefangen hatten. Sie dachten: ›Bestimmt werden wir mehr bekommen!‹ Doch auch sie erhielten jeder ein Silberstück. Als sie ihren Lohn bekommen hatten, schimpften sie über den Grundbesitzer. Sie sagten: ›Die da, die als Letzte gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet. Aber du hast sie genauso behandelt wie uns. Dabei haben wir den ganzen Tag in der Hitze geschuftet!‹ Da sagte der Grundbesitzer zu einem von ihnen: ›Guter Mann, ich tue dir kein Unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf ein Silberstück als Lohn geeinigt? Nimm also das, was dir zusteht, und geh! Ich will dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Kann ich mit dem, was mir gehört, etwa nicht das machen, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so großzügig bin?‹ So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.«

 

Mt 20, 1-16a (Basis Bibel)

Ich mache mein Gericht gleich einem Reigentanz, spricht Gott:
die Letzten sind nicht hinten und die Ersten nicht voraus

Ist das nicht verstörend, irritierend, unfair und fragwürdig, was uns das Matthäusevangelium des heutigen Sonntags vorstellt ? Unvoreingenommen und neutral gehört oder gelesen können wir bei dieser Erzählung, diesem jesuanischen Gleichnis, dieser Szene am Marktplatz eines unbekannten Ortes zur Zeit Jesu kaum bleiben, hören wir doch schon fast automatisch als moderne, aufgeklärte, politisch denkende und fühlende Menschen des 21.Jahrhunderts eine merkwürdige, höchst fragwürdige „Tarifpolitik Gottes“ heraus.

Der Weinbergbesitzer, der Winzer, also der „Arbeitgeber“ stellt für die harte Arbeit in seinem Weinberg an fünf unterschiedlichen Tageszeitpunkten zu gleichem Lohn Männer für die Arbeit bei sich ein. Heutige Menschen, ob nun gewerkschaftlich organisiert oder nicht, erwarten jedoch Löhne und Gehälter nach gerechten Tarifen. Uns wird doch in unserer Gesellschaft permanent vermittelt : gutes Leben wird belohnt, schlechtes Leben wird bestraft; Leistung muss sich lohnen und wird belohnt ! Wo kämen wir denn hin, wenn die Ersten, die Leistungsträger, die Angepaßten, die Fleißigen, die Guten, die Ehrgeizigen sogar im Reich Gottes tatsächlich Letzte sein sollen ?! Was sind denn das für abstruse Maßstäbe und Vorstellungen ?

Wenn wir uns dazu noch vorstellen, daß irgendwo wichtige politische Wahlen anstehen, dann könnte sich die Interpretation dieses von Jesus bewußt gewählten Gleichnisses schnell, fast unbemerkt, in eine ganz bestimmte Richtung entwickeln: Politiker aller Couleur werden nämlich nicht müde, auch und gerade Minderheiten in unserer Gesellschaft anzusprechen, vor allem dann, wenn sie sich wertvolle Wählerstimmen von diesen für sich erhoffen. Da kommt es oft auf Zehntelprozente an. Dieses Wählerklientel ist oft Motiv für Politiker-Interessen, für Versprechen und Hoffnungsszenarien, die sich nach den Wahlen genausooft als platzende Seifenblasen entpuppen können.

Aber: Jesus war kein Politiker ! Die Gesellschaft der Antike, in der Jesus lebte, hatte kein Gespür für und kein Interesse an Randgruppen und Minderheiten. Wer in diesen Gruppen lebte, war aus der Gesellschaft ausgeschlossen, er war letztlich selbst Schuld an seinem Status! Jesus aber sorgte sich ganz gezielt um Menschen, die am Rand des Existenzminimums lebten. Er sorgte sich um jene, deren Kampf ums tägliche Überleben existentiell war.

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg steht für Gottes Liebe zu uns Menschen !

Ich mache mein Gericht gleich einem Reigentanz: die Letzten sind nicht hinten und die Ersten nicht voraus“, so wird Gott in einer jüdischen Vorlage aus der damaligen Zeit Jesu beschrieben. Vor Gott zählen Standesunterschiede nichts, auch und gerade nicht eine vermenschlichte Gerechtigkeitsvorstellung, wie im Gleichnis beschrieben. Nein! Alle, die im göttlichen Reigentanz teilnehmen, hören die gleichen Töne, vernehmen die gleiche Melodie. Für alle ist es gleich wichtig, sich in dem Rhythmus und in die Melodie hineinfallen zu lassen. Das Gleichnis macht deutlich, dass Jesus von einem Gott spricht, der sich eben nicht auf eine menschliche Konstruktion und eingeengte Sichtweise zwingen oder hineinpressen läßt. Er läßt sich nicht berechnen. Gottes Freiheit bedeutet, wie im Reigentanz, eine Gleichwertigkeit der Menschen, keine Rangordnung. Das Kommen des Reiches Gottes ist dann ein freier, be- freiter und be- freiender Zustand, dem wir auf Erden nicht nahekommen. Dennoch ist es not-wendig, unsere Maßstäbe und Statusvorstellungen-und Erwartungen , die so oft zementiert und unverrückbar erscheinen, besonders auch in unserer Kirche, zu überdenken und grundlegend zu ändern, um zu guten und zukunftsfähigen, zukunfts-tragenden Lösungen zu kommen.

Folgende Gendanken einer Freundin können zum Weiterdenken anregen:

 

Ge- Recht

Gerechtigkeit
Recht haben
Recht durchsetzen
Recht behalten
 
Worauf habe ich Recht?
Wofür setze ich mich ein?
Für mein Recht,
aber auch 
für das Recht
von anderen,
von Randgruppen,
von Menschen,
die nicht für sich 
sorgen können
 
Ich kann mich einbringen
zum Wohl der Gemeinschaft,
lerne dabei
mir immer mehr
zu vertrauen
 
die Lösung
ist schon in mir
wenn ich den Menschen
im Blick behalte,
das ist meine Leidenschaft,
das war die Leidenschaft Jesu.
 
( Ulrike Biesenbach)
 

 

Regina Grotefend-Müller

Bild: Weinberg; Regina Grotefend Müller

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