Sonntagsbrief zum 24. Sonntag im Jahreskreis, 13. September 2020

11. September 2020 von Sigrid Grabmeier

Vom Ende her denken

Frei Betto in Xapuri im Naturschutzgebiet Seringal Cachoeira

Groll und heftiger Zorn:
beides ist verabscheuenswürdig;
Menschen mit schwachem Charakter halten an ihnen fest.

Menschen, die sich an anderen rächen, 
werden die Rache der EWIGEN erfahren, 
und ihre Verfehlungen wird sie fest im Gedächtnis bewahren. 
Vergib deinen Mitmenschen Unrecht,
dann wirst auch du, wenn du darum bittest, 
von deinen Verfehlungen freigesprochen. 
Es gibt Menschen, die halten am Zorn anderen gegenüber fest:

 

Und dann suchen sie bei der EWIGEN Heilung? 
Mit Menschen, die ihnen doch gleich sind, 
haben sie kein Erbarmen:
Und dann bitten sie für ihre eigenen Verfehlungen? 
Sie selbst, die ja vergänglich sind, 
lassen vom Zorn nicht ab: 
Wer wird dann Versöhnung schaffen für ihre eigenen Verfehlungen? 
 
Denke an das Ende und lass ab vom Hass,
denke an Verwesung und Tod 
und bleibe den Geboten treu. 
Denke an die Gebote und trage den Mitmenschen nichts nach,
erinnere dich an den Bund mit der Höchsten und sieh über einen Fehltritt hinweg.

Sir 27, 30 – 28, 7 Bibel in gerechter Sprache

 

Vom Ende her denken

Das heutige Evangelium scheint gleichsam eine Ausführung für Jesu Publikum für diese Passage aus Jesus Sirach zu sein. Bei Mt 18 geht es um die Frage des Petrus, wie oft er denn vergeben müsse, siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal. Es folgt das Gleichnis vom Knecht, dem der König seine hohen Schulden erlässt. Er selbst aber zeigt sich ungnädig gegenüber einem anderen, der ihm eine verhältnismäßig geringe Summe schuldet. Die Strafe folgt auf den Fuß.

 

Ich will gar nicht zu sehr auf die Texte selbst eingehen, sie erzählen selbst deutlich genug um was es geht. Mir sind vielmehr diese Worte ins Auge gestochen. „Denke an das Ende“. Ganz sicher ist tatsächlich gemeint der Tod, das ergibt sich aus den folgenden Zeilen. Mir aber drängte sich die Formulierung: „Denke vom Ende her“ auf. Das ist ein Rat, den wir uns nicht oft genug zu Herzen nehmen können. Das gilt gleichermaßen für Äußerungen oder Handlungen, zu denen wir uns hinreißen lassen, sei es in Wut oder Euphorie. Noch mehr aber doch für unser oft kritikloses Verhalten gegenüber Erfindungen und Neuerungen, insbesondere solchen, die uns das Leben scheinbar einfacher machen. Da kann man an Plastikverpackungen denken, genauso gut wie an Lebensmittel oder Rohstoffe aus Südamerika, Afrika, aus den Ozeanen oder sonst woher. An die Ausbeutung von Kontinenten, an die Vernichtung Lebensgrundlagen, an Flüchtlinge, die in viel zu kleinen Lagern unter schlimmsten hygienischen Bedingungen zusammen gepfercht leben. Vom Ende her denken, das geht jeden und jede einzelne von uns an, aber auch Politiker oder Wirtschaftsunternehmen.

 

Einer, der sicher nicht vom Ende her denkt und womöglich auch nicht ans Ende, ist für mich Bolsonaro. Der brasilianische Befreiungstheologe und Dominikaner Frei Betto (Bruder Betto) hat ein Schreiben veröffentlich und um dessen Verbreitung gebeten,  in dem er den Tod von Tausenden und Abertausenden von Menschen, sei es durch Nachlässigkeit und/oder durch vorsätzliche Unterlassung durch die Bolsonaro-Regierung, als Völkermord bezeichnet. Ich komme der Bitte um Verbreitung gerne nach.  

BRIEF AN DIE FREUNDE UND FREUNDINNEN IM AUSLAND In Brasilien findet ein Völkermord statt

 

Sigrid Grabmeier

 

 Bildnachweis:

Frei Betto in Xapuri im Naturschutzgebiet Seringal Cachoeira

 

 

Zurück