Sonntagsbrief zum 23. Sonntag im Jahreskreis, 6. September 2020

4. September 2020 von Eva-Maria Kiklas

Lösen und Binden

Diamantknoten©David J. Fred

„Wenn dein Bruder oder deine Schwester sich gegen dich verfehlt, geh' hin und kläre den Konflikt zwischen euch unter vier Augen. Wenn du gehört wirst, hast du einen Bruder oder eine Schwester gewonnen. Wenn du nicht gehört wirst, nimm eine oder zwei Personen mit, damit über jeden Konflikt aufgrund der Zeugenaussage von zwei oder drei Personen entschieden werden kann. Wenn ihr nicht gehört werdet, sage es der Gemeindeversammlung. Wenn diese nicht gehört wird, soll dir der Bruder oder die Schwester zur Außenstehenden werden wie die Leute, die betrügerisch Abgaben kassieren, oder die Andersgläubigen. Wahrhaftig, ich sage euch: Alles, was ihr auf der Erde bindet, soll im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf der Erde löst, soll im Himmel gelöst sein. Und ich sage euch auch: Wahrhaftig, wenn zwei von euch sich auf dieser Erde in einer Sache einigen, wird ihnen alles, um das sie gemeinsam bitten, von Gott geschenkt werden, für mich Vater und Mutter im Himmel. Wo zwei oder drei in meinem Namen in Gemeinsamkeit zusammenkommen, bin ich mitten unter ihnen.“

Mt. 18, 15-20 Bibel in gerechter Sprache

 

Lösen und Binden

Diese Textstelle könnte man als „Stellenbeschreibung" für die Jünger - und damit auch für ihre Nachfolger - lesen. Meist wird sie als Einsetzung des Sakramentes der Beichte gedeutet. Aber ich glaube nicht, dass Jesus Sakramente eingesetzt hat, wie er auch keine Kirche gründen wollte. Was aber bedeuten dann diese Worte  von der „Binde-und Lösegewalt", wie die Kirche dann diese Textstelle interpretierte? Schon das Wort „Gewalt" sollte uns stutzig machen. Gewalt haben ja Menschen im Beichtstuhl auch erlebt, geistig und sexuell. Was sollten also die Jünger lösen und binden? Vers 15-17 könnte eine Antwort sein: Wir sollten einander helfen, frei zu werden von Abhängigkeiten, Ängsten, Konflikten, von Schuld. Und Jesus sagte auch, wie das geht: Geh und rede mit deinem Bruder, der sich gegen dich verfehlt hat. Und wenn das nichts nützt. nimm einen „Mediator" mit usw.  Jesus selbst hat dies vorgelebt: Seine Wunder kann man vielleicht auch so deuten, dass er die Menschen von ihren „Dämonen" befreit hat, von Besessenheiten, die sie krank gemacht haben, körperlich und geistig.Die Faszination Jesu bestand wohl darin, dass er ein freier Mensch war. Das kommt besonders in der Erzählung von den Versuchungen des Teufels in der Wüste zum Ausdruck: Weder die Aussicht auf eine Karriere als Zauberkünstler noch als Weltenherrscher können ihn dazu bringen, sich in Abhängigkeit von Satan zu begeben. Und obwohl er das „Gesetz" nicht aufheben will, sondern erfüllen, setzt er sich doch darüber hinweg, wenn es um das Wohl der Menschen geht.

 

Fragen wir als Menschen des 21.Jhd. uns doch mal, was uns gebunden hält, wovon wir abhängig sind, in welche Zwänge wir uns begeben haben, von welchen „Süchten" wir nicht lassen können. Auch unsere Kirchen müssten sich diesen Fragen stellen: an wen oder was fühlen sie sich gebunden: an Macht und Traditionen oder an die Weisung Jesu, das Reich Gottes zu schaffen und Frieden zu stiften? Die Corona-Krise könnte ein Chance  sein, die uns erkennen lässt, was wir alles *nicht* brauchen! Das einzige, was wir brauchen, sind Beziehungen, Bindungen, die uns frei machen im gegenseitigen Geben und Nehmen, im Füreinander-da-sein und in der Hilfe beim Lösen von Konflikten und Abhängigkeiten, die uns nicht gut tun. Jesus hat diesem Bemühen auch seine Hilfe zugesagt im Vers 20: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, bin ich mitten unter ihnen". Es ist zu hoffen, dass die Wahrheit dieses Wortes viele Menschen in der Corona-Krise erfahren konnten, als Gottesdienste in der Gemeinde nicht mehr möglich waren.

 

Und wohin zielt das alles? Wenn wir die nachfolgenden Zeilen 21 und 22 bei Matthäus weiter lesen, erkennen wir: das Ziel ist „Versöhnung", mit uns selbst, mit unserem Schuldigsein, mit unseren Mitmenschen, auch mit denen, die wir eigentlich nicht so mögen, mit allem Fremden und Neuem, das uns Angst macht und unsicher und letztlich mit Gott, dem Geist, der uns trägt. Und ich denke, dieses freie, versöhnte Dasein, das ist der „Himmel", in dem wir Gott begegnen können.

 

  In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag.

Eva- Maria Kiklas

 

 Bildnachweis: David J. Fred Diamantknoten

 

 

 

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