Sonntagsbrief zum 24. Sonntag im Jahreskreis, 11. September 2022

9. September 2022 von Eva-Maria Kiklas

Der barmherzige Vater

Es kamen immer wieder alle, die beim Zoll beschäftigt waren und zu den Sündern gezählt wurden, zu Jesus, um ihn zu hören. Die Angehörigen der pharisäischen Glaubensrichtung und die Schriftgelehrten murrten und sagten: „Der akzeptiert ja sündige Leute und isst mit ihnen!“ Jesus aber erzählte ihnen folgendes Gleichnis: „Gibt es jemanden unter euch, der 100 Schafe hat, und wenn er eines von ihnen verliert, nicht die 99 in der Wildnis zurücklässt, um dem Verlorenen nachzugehen, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, so setzt er es voll Freude auf seine Schultern. Zu Hause ruft er seine Freunde und die Nachbarschaft zusammen und sagt ihnen: ´Freut euch mit mir: Ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war!` Ich sage euch: So wird im Himmel mehr Freude sein über einen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die eine Umkehr nicht nötig haben.

Oder: Gibt es eine Frau, die zehn Silberstücke hat und eins davon verliert, die nicht eine Lampe anzündet und das Haus mit dem Besen kehrt und sorgfältig durchsucht, bis sie das Geldstück findet? Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und die Nachbarschaft zusammen und sagt: ´Freut euch mit mir: Ich habe das Silberstück, das ich verloren hatte, wieder gefunden!` Ich sage euch: Genauso wird bei den Engeln Gottes Freude sein über eine sündige Person, die umkehrt.“

Er sprach: „Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zum Vater: ´Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zusteht.` Und er verteilte seine Habe an sie. Bald danach nahm der jüngere Sohn alles mit sich und zog in ein fernes Land. Dort verschleuderte er sein Vermögen und lebte in Saus und Braus. Nachdem er aber all das Seine durchgebracht hatte, kam ein gewaltiger Hunger in jenes Land, und er begann, Not zu leiden. Er zog los und begab sich in die Abhängigkeit eines Bürgers jenes Landes, und der schickte ihn auf die Felder, seine Schweine zu hüten. Er hätte sich unheimlich gern satt gegessen an den Schoten des Johannisbrotbaums, die die Schweine fraßen, aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: So viele Tagelöhner und Tagelöhnerinnen meines Vaters haben Brot im Überfluss – und ich komme hier um vor Hunger! Ich stehe auf, wandere zu meinem Vater und sage zu ihm: ´Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Mach' mich zu einem deiner Tagelöhner!` Er stand auf und ging zu seinem Vater. Schon von ferne sah ihn sein Vater kommen, und Mitleid regte sich in ihm, und er eilte ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn sprach zu ihm: ´Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.` Der Vater aber sagte zu seinen Sklaven und Sklavinnen: ´Schnell, bringt das beste Kleid her und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand und Sandalen an die Füße! Holt das Mastkalb und schlachtet es, lasset uns essen und fröhlich sein! Denn dieser, mein Sohn, war tot und ist wieder lebendig, er war verloren und ist gefunden!` Und sie begannen sich zu freuen.

Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimkam und sich dem Haus näherte, hörte er Singen und Tanzschritte. Er rief einen der jungen Sklaven und fragte ihn, was denn sei. Der aber sagte ihm: ´Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater ließ das Mastkalb schlachten, weil er ihn gesund wieder erhalten hat!` Da wurde der Bruder wütend und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und lud ihn ein. Er antwortete aber seinem Vater: ´Siehe, ich diene dir schon so viele Jahre und habe nie ein Gebot von dir übertreten, und nie hast du mir einen Bock gegeben, damit ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber kommt dein Sohn, der deine Habe mit Unzüchtigen verfressen hat, und du lässt für ihn das Mastkalb schlachten!` Er sagte zu ihm: ´Kind, du warst alle Zeit mit mir zusammen, und alles, was mir gehört, gehört auch dir. Nun ist es Zeit, sich zu freuen und fröhlich zu sein, weil dein Bruder, der tot war, lebendig ist. Er war verloren und ist gefunden!`“

LK 15,1-32 Bibel in gerechter Sprache

 

 

 

Der barmherzige Vater

 

Liebe Leser*innen unserer Sonntagsbriefe, ich möchte Sie heute einmal einladen zu einer Bildbetrachtung. Es geht um das Gemälde „Die Heimkehr des verlorenen Sohnes“ von Rembrandt. Das Original hängt in der Eremitage  in Petersburg. Sie finden die Abbildung sicher in Ihrem Bücherschrank, ansonsten im Internet  Obwohl der Titel vom "Sohn" spricht, finde ich die andere Formulierung dieser Perikope: „Der barmherzige Vater“ für treffender. Er steht im Mittelpunkt des Rembrandt-Gemäldes. Vom „Sohn“ sieht man nicht viel als die Rückansicht.

 

Jesus stellt in diesem Gleichnis sein Gottesbild vor: das, des liebendes Vaters, der auch den bedingungslos annimmt, der Irrwege beschritten hat in der Vergangenheit. Nun zählt nur die Gegenwart: er ist umgekehrt, er ist wieder da. Das Gottesbild Jesu ist das einen Abba, das man mit Papi  übersetzen kann. Aber ganz eindeutig männlich ist das Gottesbild nicht: Schauen Sie sich die , um den Heimgekehrten gelegten, bergenden Hände des Vaters an: Eine derbe Männerhand und eine  schlanke Frauenhand. Das ist natürlich Rembrandts Sicht.  Aber auch Jesus gibt seinem Gottesbild weibliche Züge, z.B. in dem Gleichnis  von der Frau, die die Drachme sucht (Vgl. Bild des Guten Hirten).

 

Die Bibel in gerechter Sprache benutzt sehr oft das Wort „Ruach“ - die Geistin, für Gott. Alles Versuche, das Phänomen Gott zu fassen. Wir Menschen brauchen Bilder, um ein Gegenüber zu haben, zu dem man beten und dem man vertrauen kann, durch das wir Transzendenz erfahren können.

 

In Exodus 20.4 steht geschrieben: „Mache die kein Gottesbild, noch irgendein Idol...“ Ein sehr weises Gebot! So verschieden die Menschen sind, so verschieden sind auch die Gottesbilder. So hat z.B. das Bild des leiblichen Vaters großen Einfluß auf das Bild Gottes: ein autoritärer Vater bewirkt oft das Bild eines Gottes, der alles „sieht“ und alles Böse bestraft. Wie so Vieles birgt auch das Bild, das sich Menschen von Gott machen, die Gefahr des Mißbrauchs (Ex.20,7) in sich, der wohl alle Religionen erlegen sind. So ist noch heute die christliche Liturgie von der Opfertheologie geprägt, die Gott als einen Vater darstellt, der ein Blutopfer seines Sohnes braucht, um die Schuld eines Adams und seiner Nachkommen zu sühnen. Im Islam gibt es „Gläubige“ , die glauben, Gott wohlgefällig zu sein, wenn sie möglichst viele Menschen  und oft sich selbst töten. Und wie oft werden in Religionen Gebote und Verbote ausgesprochen und damit begründet, dass das Gottes Wille sei. Wir können als Geschöpfe Gott nicht erfassen. Wie wollen wir dann ganz genau wissen, was Gott will? Für mich ist z.Zt. das  treffendste Gottesbild die Aussage: "Gott ist Liebe",wobei wir wieder bei dem Rembrandt-Bild sind. Diese Vater-Figur sagt für mich alles aus, was uns zu Gott zurück kehren läßt, wenn wir uns verirrt haben, vertrauend auf Annahme, Geborgenheit, Versöhnung und bedingungslose Liebe. Wie diese Erkenntnis in der „Praxis“ aussieht, hat uns der Lebensweg Jesu gezeigt. Im auf diesem Weg nachzufolgen, ist mit Sicherheit der "Wille Gottes".

 

Einen gesegneten Sonntag Ihnen!

Eva- Maria Kiklas



 

Als Antwort auf die tiefe Krise der römisch-katholischen Kirche und des damit einhergehenden Bedeutungsverlustes in unserem Land kommen Reformgruppen, Betroffeneninitiativen sowie katholische Verbände und Initiativen zu einer Kirchen­Volks­Konferenz am 24. und 25. September­ 2022 in Köln zusammen und laden alle Interessierten und Engagierten aus nah und fern herzlich dazu ein.
Am Freitag, 23. September 2022 findet am selben Tagungsort, der Jugendherberge Köln-Deutz, die 47. öffentliche Wir sind Kirche-Bundesversammlung statt.

Die Gesamtorganisation erfolgt durch die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche.

Weitere Informationen und Anmeldung hier: KirchenVolksKonferenz

 

 

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