Sonntagsbrief zum 22. Sonntag im Jahreskreis, 30. August 2020

28. August 2020 von Johannes Brinkmann

Kraft des Lebendigen

Baum auf Fels (Südostanatolien), Tobias Grimbacher

Als Jesus in das Gebiet von Cäsaréa Philíppi kam, fragte er seine Jünger und sprach: Für wen halten die Menschen den Menschensohn? Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elíja, wieder andere für Jeremía oder sonst einen Propheten. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus antwortete und sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjóna; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein. Dann befahl er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.

Mt 16, 13-20  Einheitsübersetzung

 

Kraft des Lebendigen

 

„Jesus verkündete das Reich Gottes, aber gekommen ist die Kirche.“ „Jesus wollte das Judentum reformieren, nicht eine eigene Religion gründen.“ Wir alle kennen Positionen wie diese beiden, und da sie sicher richtig sind, vermute ich, dass die Antwort Jesu im heutigen Evangelium nicht von Jesus selber stammt. Sie wurde später vom Evangelisten formuliert, als es bereits eine Jesusgemeinschaft gab, die unabhängig vom Judentum existierte und sich als Kirche zu formieren begann. Aber was für eine Kirche schlagen Matthäus und Jesus hier eigentlich vor?

Einerseits steht diese Kirche auf einem Felsen. Sie bekommt einen festen, stabilen Untergrund. Jede Religion und jeder Glaube brauchen einen festen Grund und ein stabiles Fundament, sonst werden sie nicht überdauern.

Andererseits hängt dieses Fundament eng mit dem Bekenntnis des Petrus zusammen: „Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“. Petrus kann Jesus sehr konkret und direkt seinen Retter (Christus) nennen. Es ist erst ein paar Tage her, da wurde Petrus von Jesus aus dem Wasser gezogen, als er ihm über den See entgegen kam. Aber dieser Retter ist Sohn Gottes, und Gott ist der Lebendige. Es ist also ein Bekenntnis zur Rettung und zum Lebendigen – und das Lebendigen ist damit Wesenskern dieser Kirchengründung.

Die Kirche, wie sie von Matthäus, Petrus und Jesus her gedacht ist, ist eine lebendige Kirche, die aus der Kraft des Lebendigen heraus wirken soll. Jesus Christus ist eben nicht Elija, Jeremia oder sonst einer der alten Propheten, die das Leben der Menschen nicht mehr verändern können und am Ende eng mit der starren Reglementierung der Moses-Religion verbunden sind. Er ist das Gegenteil: ein Retter, der sich heute, ganz konkret, für die Lebendigkeit einsetzt.

In einer solchen Kirche will ich gerne leben und glauben: mit einem soliden Fundament auf einen mächtigen Felsen gebaut, aber der Kraft des Lebendigen verpflichtet, selbst quicklebendig und dynamisch, interessiert an der Rettung – an den Menschen in Not. Eine Kirche, die Tradition und Lebendigkeit verbindet – mehr noch, in der das Lebendige Tradition ist. Eine solche Kirche kann ihre starren Reglementierungen hinter sich lassen, in die Zukunft schauen, alte Fesseln lösen. In der Kraft des Lebendigen können wir leben und handeln wie Jesus, der das Reich Gottes verkündet.

 

Tobias Grimbacher

 

Bild:

Baum auf Fels (Südostanatolien), Tobias Grimbacher

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