Sonntagsbrief zum 23. Sonntag im Jahreskreis, 3. September 2022

2. September 2022 von Sigrid Grabmeier

In Frage gestellt

Deshalb auch das Folgende: Unter Berufung auf Christus könnte ich dir ja vorschreiben, was du tun sollst. Aber wegen der Liebe, die du gezeigt hast, bitte ich dich einfach so, wie ich bin: ich, Paulus, ein alter Mann, der jetzt wegen Christus Jesus auch noch ein Gefangener ist. Ich bitte dich für meinen Sohn, für den ich während der Haft zum Vater geworden bin. Es geht um Onesimus! Früher war er für dich nutzlos, aber jetzt kann er für dich und mich nützlich sein. Ich sende ihn zu dir zurück. Und das ist so, als würde ich mein eigenes Herz senden.

Ich hätte ihn gerne bei mir behalten, damit er mich an deiner Stelle unterstützt – solange ich wegen der Guten Nachricht in Haft bin. Aber ohne deine Zustimmung wollte ich das nicht tun. Deine gute Tat sollte ja nicht unter Zwang geschehen, sondern aus freien Stücken.

Vielleicht war er ja deshalb eine Zeit lang von dir getrennt, damit du ihn für immer zurückbekommst. Du bekommst allerdings keinen Sklaven mehr, sondern etwas viel Besseres: einen geliebten Bruder. Schon für mich ist er das in ganz besonderem Maße. Wie viel mehr muss er es dann erst für dich sein – sowohl im täglichen Leben als auch in der Zugehörigkeit zum Herrn! Wenn du dich nun wirklich eng mit mir verbunden fühlst, dann nimm ihn auf – so als ob ich es selber wäre.

Brief an Philemon, 8-17 Basisbibel

 

 

In Frage gestellt

 

Paulus schreibt seinem Freund Philemon aus der Haft bzw. einem Hausarrest, vermutlich in Ephesus. Sein Anliegen ist zugleich ein sehr persönliches wie auch ein über die persönlichen Beziehungen hinauswirkendes. Onesimus hat Paulus wohl bei seinem Besuch im Hause des Philemon, in dem sich die junge Gemeinde von Kolossai trifft, kennengelernt. Dass der junge Sklave entlaufen ist, wird erst im späteren Verlauf des Briefes, der aus einem einzigen Kapitel mit 25 Versen besteht, deutlich. Was ihn bewegt hat, die gefährliche Flucht zu wagen, erfahren wir nicht, aber sein Vertrauen in Paulus muss sehr groß gewesen sein, denn als entlaufener Sklave drohte ihm das einzige zu verlieren, was er hatte: sein Leben. - Paulus ist in einer schwierigen Situation. Auf der einen Seite der Freund, der ihn bei der Verbreitung der Frohen Botschaft unterstützt, auf der anderen Seite der Mensch auf der Flucht. 

 

Interessant finde ich seine Argumentation, mit der er sich für Onesimus einsetzt. Er bittet den Freund um seiner selbst willen den Flüchtigen wieder aufzunehmen und lobt diesen in den höchsten Tönen. Er und der Sklave, Vater und Sohn, sie stehen beide auf der gleichen Stufe. Für Paulus gibt es durch den Glauben an Jesus Christus weder Sklaven noch Freie, Männer noch Frauen, Juden noch Griechen (Gal 3, 28). - Und mit seinem Handeln verlangt er von Philemon – und von anderen, die Sklaven und Sklavinnen haben und sich zu Jesus Christus bekennen, dass sie das im Alltag umsetzen. 

 

Letztlich überträgt Paulus die Aufforderung Jesu: „Was ihr euren Nächsten tut, das tut ihr mir“ auf sich selbst. Aber das ist keine Anmaßung, vielmehr lädt er damit Philemon ein, es ihm gleich zu tun. „Schau, so wie ich es mache so mach auch du das.“ Dabei ist es trotz alledem heftig, was der Apostel und Handlungsreisende in Sachen Jesu von Unternehmern und Gutsbesitzern verlangt. Nicht viel weniger als die Freilassung von Sklaven. Und das in einer Gesellschaft, in der Sklavenhaltung und Leibeigenschaft zur Normalität und zum Funktionieren des Wirtschaftslebens gehörte. 

 

Wir wissen nicht, wie die Sache für Onesimus ausgegangen ist. Ich wünsche mir immer, wenn ich wieder mal auf diesen Text stosse, dass Philemon die Wünsche des Paulus ernst genommen hat und der junge Mann ein Leben in Wertschätzung und Freiheit leben konnte. - 

 

Wie ernst würden wir so eine Bitte eines Freundes, einer Freundin nehmen? Und in wie weit sind wir in der Lage, die Aufforderung Jesu im letzten Satz der heutigen Perikope Lukas 14, 25-33 ernst zu nehmen?

 „So gilt auch: Wer von euch nicht alles aufgibt, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.“ –

 Nein. Ich habe keine Antworten und will auch keine Versuche machen, das zu deuten. Da sind wir alle angefragt und auch in Frage gestellt. 

 

Ich wünsche uns allen einen nachdenklichen Sonntag

Sigrid Grabmeier

 

Als Antwort auf die tiefe Krise der römisch-katholischen Kirche und des damit einhergehenden Bedeutungsverlustes in unserem Land kommen Reformgruppen, Betroffeneninitiativen sowie katholische Verbände und Initiativen zu einer Kirchen­Volks­Konferenz am 24. und 25. September­ 2022 in Köln zusammen und laden alle Interessierten und Engagierten aus nah und fern herzlich dazu ein.
Am Freitag, 23. September 2022 findet am selben Tagungsort, der Jugendherberge Köln-Deutz, die 47. öffentliche Wir sind Kirche-Bundesversammlung statt.

Die Gesamtorganisation erfolgt durch die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche.

Weitere Informationen und Anmeldung hier: KirchenVolksKonferenz

 

 

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