Sonntagsbrief zum 21. Sonntag im Jahreskreis, 23. August 2015

22. August 2015 von Regina Grotefend-Müller

Wollt Ihr auch weggehen?

Sonntagsbrief zum 21. Sonntag im Jahreskreis

Wollt Ihr auch weggehen?Viele nun von seinen Jüngerinnen und Jüngern sagten, als sie dies hörten: „Brutal ist diese Rede; wer kann sie anhören?“ Jesus wusste bei sich, dass seine Jüngerinnen und Jünger daran Anstoß nahmen, und sagte ihnen: „Ärgert euch schon dies? Und wenn ihr nun den erwählten Menschen seht, wie er dorthin aufsteigt, wo er vorher war? Die Geistkraft macht lebendig, die Materie nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesagt habe, sind Geistkraft und sind Leben. Aber es sind einige unter euch, die nicht glauben.“ Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche diejenigen waren, die nicht glaubten, und wer ihn ausliefern würde. Er sagte: „Deswegen habe ich euch gesagt: `Es ist nicht möglich, dass Menschen zu mir kommen, wenn es ihnen nicht von Gott gegeben ist.´“ Daraufhin zogen sich viele von Jesu Jüngerinnen und Jüngern zurück und wanderten nicht mehr mit ihm. Da sagte Jesus zu den Zwölfen: „Wollt etwa auch ihr weggehen?“ Simon Petrus antwortete ihm: „Rabbi, zu wem sollen wir weggehen? Worte ewigen Lebens hast du, und wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt, dass du der Heilige Gottes bist.“

Joh 6, 60-69
Bibel in gerechter Sprache

In den zurückliegenden Jahren der weltweiten Bankenkrise konnten wir zusehen, wie Manager eine Bank, einen Konzern, eine Partei verließen. Damit ist genau die Situation beschrieben, in der sich Jesus ziemlich überraschend befindet. Die Stimmung ist gekippt. Aus einer großen, anfangs recht begeisterten Anhängerschar sind zwei, drei Handvoll Männer und Frauen übrig geblieben. Wo Menschen keinen Glauben mehr an Erfolg, Gewinn oder Sicherheit haben, da verlassen sie wie die Ratten das sinkende Schiff.

Das Bild des Sprichworts beschreibt die Situation aus der früheren Seefahrt. Ratten versuchten sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, wenn das Schiff aufgrund der Löcher, die sie selbst in den hölzernen Rumpf genagt hatten, unterzugehen drohte. Es ist leicht, diese selbstzerstörerischen Erfahrungen auf Manager, Politiker oder Personen in der Kirche zu übertragen. Aber was ist mit den Menschen, die eine Zeit lang mit Jesus gegangen waren, seine Worte gehört, seine Taten und Zeichen gesehen hatten? Hat sie die Begeisterung des Anfangs nicht lange getragen? Warum war ihr Vertrauen so schnell in Zweifel umgeschlagen? Sind sie auf einmal ohne Erwartungen, Hoffnung und Vertrauen wie die Ratten? Waren es gar Löcher des Misstrauens, die sie zugelassen hatten? Waren die Menschen enttäuscht, weil ihre Wünsche nicht erfüllt wurden?

Nicht wenige aus dem Jüngerkreis setzten auf eine schnelle politische Veränderung und wünschten sich nichts sehnlicher als die Vertreibung der römischen Besatzungsmacht durch einen wirkmächtigen Messias. Aufstände in dieser Richtung gab es zur Zeit Jesu genug.

Ein anderer Teil der Frauen und Männer scheint von der Botschaft Jesu überfordert. Es geht um seinen Anspruch „Sohn Gottes“ zu sein, mit der Stimme und der Vollmacht Gottes zu sprechen; es geht um seine Predigt, die eine Veränderung  durch die Verwandlung der Menschen erreichen will. Das Reich Gottes entsteht zuerst in den Herzen der Menschen; von dort her soll es wirken und durch Gerechtigkeit den Frieden schaffen. Mit seinen acht Seligpreisungen setzt Jesus auf diesen sanften Wandel, der manchmal auch Nachteile, sogar Verfolgung einbringen kann. Das können viele nicht akzeptieren, dabei geht es, wenn Jesus sich als „Sohn Gottes“ bezeichnet, nicht um einen Titel, es geht um Jesu und unser aller Berufung, Gott, sein Wort und Werk, in unserem Leben zu bezeugen.

Genug Gründe für die Masse, um die Sache Jesu für beendet zu erklären und wegzugehen. So fragt Jesus auch seine Jünger: „Wollt auch ihr weggehen?“ Einmal abgesehen von der Antwort, die Petrus gibt, wiederholen sich die Dinge. In fast jeder nachchristlichen Generation stellt sich die Frage seit gut 2000 Jahren: Gehen oder bleiben. Austreten oder Auftreten. Die Stimmung in vielen Gemeinden ist heute wohl eher depressiv. Das hat verschiedene Gründe, die wenigsten haben mit Jesus zu tun. Es drängt sich der Eindruck auf „Jesus ja – Kirche nein!“

Entscheidend bleibt, dass und wie wir an der Seite von Jesus das Evangelium in die nächste Generation bringen. Manchmal sogar ohne die Kirche. Inzwischen gilt für uns das Wort von Roger Schutz, dem verstorbenen Prior von Taizé: „Lebe das vom Evangelium, was du davon verstanden hast, und wäre es noch so wenig.“

Regina Grotefend-Müller
Wennigsen

Zurück