Sonntagsbrief zum 21. Sonntag im Jahreskreis, 22. August 2021

20. August 2021 von Tobias Grimbacher

Gott und Götter

Ingeborg Hunzinger: Die Frauen der Rosenstraße, Berlin;  Foto Sigrid Grabmeier 2021

Danach rief Josua alle Stämme Israels, mit seinen Ältesten, Anführern, Richtern und Heerführern nach Sichem. Sie kamen und traten gemeinsam vor Gott. Josua sagte zum ganzen Volk: »Wenn ihr nicht bereit seid, dem Herrn zu dienen, dann entscheidet euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Vorfahren jenseits des Euphrat dienten oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr heute lebt? Ich und meine Familie werden jedenfalls dem Herrn dienen.« Das Volk antwortete: »Wir wollen den Herrn niemals verlassen, um anderen Göttern zu dienen, denn der Herr, unser Gott, ist es, der uns und unsere Vorfahren aus der Sklaverei in Ägypten befreite und hierher gebracht hat. Vor unseren Augen vollbrachte er große Wunder. Er hat uns auf dem ganzen Weg bewahrt, den wir gegangen sind und uns vor allen Völkern geschützt, durch deren Gebiet wir gezogen sind. Deshalb wollen auch wir dem Herrn dienen, denn er allein ist unser Gott.«

 

Jos 24, 1.2a.15-17.18b, Neues Leben Bibel

 

 

Gott und Götter

Es ist wohl etwas mehr als 3000 Jahre her, dass Josua die israelitischen Clanchefs und vielleicht auch -chefinnen nach Sichem gerufen hat. Seither hat sich unser Gottesbild deutlich gewandelt. Vom Polytheismus  - die Gottheiten am Euphrat gleichberechtigt neben denen der Amoriter und Israeliten – fand das frühe Judentum zur Monolatrie - unser Gott ist den anderen Göttern überlegen. Daraus entwickelte sich der bekannte Monotheismus, der später durch Christentum und Islam weltweit verbreitet wurde: Gott ist einer, und alles göttliche ist durch eine Gottheit erklärbar. Wobei mir auch der agnostische Gedanke nicht fremd ist: Ich weiss nicht, ob da ein Gott ist, möchte es aber sicher nicht ausschliessen.

 

Vermutlich geht es vielen Menschen so ähnlich wie mir, die in Mitteleuropa in einer stabilen, einigermassen wohlhabenden Mittelschicht leben, fehlt uns doch die direkte Erfahrung des Volkes aus der heutigen Lesung: „Gott hat uns aus der Sklaverei befreit und hierher gebracht“. Das ist die Kernbotschaft dieses Textes und der ganzen Bibel: Gott sieht das Leid und Gott führt heraus – und das unterscheidet den Gott der Israeliten auch von den anderen Göttern, an deren Altar man betet und feiert, aber die nie so direkt erfahrbar sind. Trotzdem bin ich froh, dass ich bisher nur sehr sehr selten in so existenzielle Not gekommen bin, dass ich auf diese Erfahrung – auf Gottes Befreiungskraft – angewiesen war. Nur darum kann ich mir die agnostischen Gedanken so gut leisten.

 

Aber: Gott rettet nicht einfach so. Gott mag die ägyptischen Plagen geschickt haben, um den Pharao zu zermürben, und vermutlich haben Mose oder Mirjam das Schilfmeer nur mit Gottes Hilfe geteilt. Aber losgehen mussten die Israeliten schon selber. Es ist die Gottheit, die sagt „Ich bin der Ich bin da“ und die „uns auf dem ganzen Weg bewahrt, den wir gegangen sind“. Aber es ist unser Weg! Gott geht ihn nur mit, sehr oft unbemerkt.

 

Manche sagen, Glauben heisst Üben. Natürlich weiss ich, dass Gott auch dann da ist und in der grössten Not befreit, wenn ich nicht ständig glaube. Aber ich vermute dennoch, dass man Gottvertrauen üben kann. Das Christentum ist ja nicht nur eine monotheistische, sondern auch eine Handlungsreligion. Gott ist zwar „Ich bin da“, aber als Christin und Christ bin ich auch (für andre) da. Ich darf auf Unfreiheit hinweisen und anderen den Weg weisen – den sie selbst gehen können. Und ich soll natürlich so leben, dass möglichst niemand durch mich in Sklaverei, in Unfreiheit kommt. In unserer globalen Welt, in der vieles nicht Fair gehandelt wird, und für ein Mitglieder der stabilen, aber trägen mitteleuropäischen Mittelschicht (Jesus würde sagen: für einen Reichen), nicht eben einfach umsetzbar.

 

Aber zum Schluss eine komplett andere Frage: Was sagt eigentlich der Fussball-Gott zu alledem? Und was sagen die Götter des Geldes aus dem Bankenviertel? Hat sich unser Gottesbild vielleicht doch nicht so deutlich gewandelt, und die Frage des Josua ist noch immer aktuell: „entscheidet euch heute, wem ihr dienen wollt“?

 

Tobias Grimbacher

 

Bild: In der Nähe des Berliner Alexandersplatzes verläuft die Rosenstraße, die zusammen mit der Heidereutergasse den Rahmen einer kleinen Grünanlage um das ehemalige Marienviertel von Alt-Berlin bildet. Dort, am einstigen Standort der im 2.Welkrieg zerstörten Alten Synagoge, erinnert seit 1995 das Denkmal „Frauenprotest 1943" von Ingeborg Hunzinger an den Frauenaufstand aus dem Jahr 1943. 

https://www.visitberlin.de/de/1943-die-frauen-der-rosenstrasse

Foto Sigrid Grabmeier

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