Sonntagsbrief zum 21. Sonntag im Jahreskreis, 21. August 2022

20. August 2022 von Johannes Brinkmann

Vom Engpass zu einem anderen Zustand

Auf seinem Weg nach Jerusalem zog er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte. Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Er sagte zu ihnen: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen. Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt und ihr draußen steht, an die Tür klopft und ruft: Herr, mach uns auf!, dann wird er euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben doch in deinem Beisein gegessen und getrunken und du hast auf unseren Straßen gelehrt. Er aber wird euch erwidern: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid. Und sie werden von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Und siehe, da sind Letzte, die werden Erste sein, und da sind Erste, die werden Letzte sein.

 

Lk 13,22 – 30 Einheitsübersetzung 

 

 

Vom Engpass zu einem anderen Zustand

Was bedeutet „bemüht euch mit aller Kraft durch die enge Tür zu gelangen.“?

Beim CSD in Essen sah ich eine kleine Schar von Menschen, die ein Schild hochhielt auf dem stand: „Die Strafe für die Sünde ist der Tod! Römer 6,23“

Sind das vorbildliche Christenmenschen, die in Gottes Namen anderen Sünden vorhalten und mit Todesstrafen um sich werfen? Sind das Leute, die durch die enge Tür gelangen werden? Werden sie gerettet werden, während die, die auf ihre Warnungen nicht hören, in der ewigen Verdammnis, im ewigen Tod, landen werden? Sie berufen sich auf Gottes Macht und schleudern ihren Bannstrahl auf vermeintliche Sünder. Wer oder was gibt ihnen das Recht dazu? Wieso fühlen sie sich selbst so gerecht, dass ihnen von Gott her gestattet ist, zu richten?

Zum einen ist da ihr Bibelverständnis: sie nehmen die Bibel wort-wörtlich. Ich denke aber, da steckt noch mehr dahinter. Wahrscheinlich fühlen sie sich schon jetzt im Zustand der Seligkeit, weil sie das Opfer Jesu am Kreuz glaubend angenommen haben. Ihre eigenen Sünden sind dadurch vollkommen und vollständig bezahlt. Sie sind gereinigt durch Jesu Blut! Und wer rein ist, darf oder muss sogar auf „Schmutz“ weisen. Sie zeigen auf den Splitter, den sie im Auge der anderen, der „Sünder“, sehen und werfen, im festen Glauben dazu von Gott gesandt zu sein, den Bannstrahl auf sie! Sie sehen sich als gerechte Werkzeuge der Allmacht Gottes! Gerecht gemacht aus ihrem Glauben an das Opfer Christi und an Christus selbst, der sie reingemacht hat im Sühneopfer und ausgesandt hat, die Sünde aufzuzeigen und deutlich zu benennen! Sie sehen sich als die Elite, als die wahrhaft Gläubigen.

Meist haben sie einen freikirchlichen Hintergrund, denn dort wird der „Opfertod Jesu am Kreuz“ als Grundlage des Heils und der Sündenvergebung als zentraler Glaubenswert besonders betont und gepflegt. Ich frage mich: hätte George W. Bush damals nach 9/11 als Präsident der USA sein „Wir die USA sind die Guten – und dort sind die Bösen und die Achse des Bösen“ mit derselben, von jeglichen Selbstzweifeln freie, Überzeugung vertreten, wenn er nicht zuvor durch Billy Graham bekehrt worden wäre und sich danach als „wiedergeborenen Christen“ bezeichnet hätte. Ein Geist, ein Hochmut, der bis heute nicht nur die USA vergiftet.

Auch in der römisch katholischen Kirche sehe ich einen Zusammenhang zwischen elitärer Selbstwahrnehmung und dem Glauben an das Sühneopfer Jesu.

Den Mythos des Sühneopfers fand ich immer schon befremdlich!

So oder so ähnlich habe ich, und vielleicht auch viele von euch, es schon in Kindergottesdiensten gelehrt bekommen: Jesus ist der einzige Mensch, der nie gesündigt hat, denn er ist Gottes Sohn. Jesus ist Gott, aber er hat wie ein Mensch auf der Erde gelebt. Er hat nie etwas falsch gemacht. Und trotzdem musste er sterben. Jesus ist für deine Sünden gestorben. Als er am Kreuz gestorben ist, hat er sich für das, was du falsch gemacht hast, bestrafen lassen. Er ist für dich gestorben. Vertraue voll und ganz auf das Opfer Jesu als die vollkommene und vollständige Zahlung für deine Sünden. Wenn du dies tust, verspricht Gottes Wort, dass du erlöst wirst, deine Sünden vergeben werden und du die Ewigkeit im Himmel verbringen wirst. Es gibt keine wichtigere Entscheidung.

Demnach hat Gott die Kreuzigung gewollt, sie war sein Plan zum Heil! Ein Sühneopfer, damit Gott auf die gerechte Bestrafung der Sünden verzichten kann! Jesus hat die Sünden aller Menschen auf sich genommen und hat durch sein Opfer am Kreuz die Sünde getilgt. Jemand muss die Schuld bezahlen, damit Gott vergeben kann! Gnade, Barmherzigkeit und Vergebung reichen nicht, eine/r muss bezahlen! Eine Haltung, die sich auf die Gläubigen abfärbt!

Die Verantwortung für die Kreuzigung liegt also bei Gott! Denn Gott hat sie gewollt! Oder doch nicht?

Ich sage:

Der Mensch hat die Kreuzigung gewollt, und GOTT hat sie geschehen lassen! Die Verantwortung dafür trägt der Mensch! Die Hinrichtung Jesu war kein heilstiftendes Sühneopfer, sondern ein Justizverbrechen, eine vor allem politisch begründete Liquidation eines Unruhestifters. Es war ein sinnloses Ende eines großartigen Menschen!

GOTT hat die Gewalt geschehen lassen, ist einfach durch sie hindurch gegangen! Das Problem der Kreuzigung wird nicht durch einen Machtbeweis GOTTES gelöst, sondern allein durch die Liebe, die zum Leiden bereit ist bis zum Tod! So wird uns Jesus zum guten Beispiel, das vorangeht und die Gewaltspirale der Menschen durchbricht.

Machtspiele sind Sache der Menschen: Denn wer Macht innehat, der ist Bestimmer hier auf Erden! Die damaligen Machthaber, allen voran Pontius Pilatus, haben an Jesus ein Exempel ihrer Machtfülle statuiert. Jesus als Bild eines abschreckenden Beispiels für alle sichtbar aufgehängt!

Wer machtlos ist, kann nichts bestimmen. Macht und Geld sind bestimmend! „Haste was, biste was, haste nix, biste nix!“ GOTT hat dieses Machtspiel am Kreuz zerschlagen, erschien als machtlos in den Augen der Menschen! GOTT ließ sich nicht durch die Menschen zur Demonstration eigener Macht verführen, denn dann hätte GOTT sich mit den Menschen gleich gemacht statt die Menschen zu sich zu ziehen in einen anderen Zustand. GOTT wäre zum Bild der Menschen geworden. Der Mensch aber soll nach GOTTES Plan zum Bilde GOTTES werden!

Das Kreuz ist der Engpass, die enge Tür, denn es stellt das von Angst vor Ohnmacht geprägte Machtdenken der Menschen auf den Kopf und zurück auf die Füße, auf den guten Boden von GOTTES Reich!

Jesus blieb treu als er das Leid ertrug: „Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!“ (Mt 5,39)

Und der kleinen Schar auf dem CSD rufe ich zu: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ (Mt 7,1)

„Und siehe, da sind Letzte, die werden Erste sein, und da sind Erste, die werden Letzte sein.“

 

Einen gesegneten Sonntag in die ganze Runde

Johannes Brinkmann / Essen

www.johannesbrinkmann.de

 

Als Antwort auf die tiefe Krise der römisch-katholischen Kirche und des damit einhergehenden Bedeutungs­verlustes in unserem Land kommen Reform­gruppen, Betroffenen­initiativen sowie katholische Verbände und Initiativen zu einer Kirchen­Volks­Konferenz am 24. und 25. September­ 2022 in Köln zusammen und laden alle Interessierten und Engagierten aus nah und fern herzlich dazu ein.
Am Freitag, 23. September 2022 findet am selben Tagungsort, der Jugendherberge Köln-Deutz, die 47. öffentliche Wir sind Kirche-Bundesversammlung statt.

Die Gesamtorganisation erfolgt durch die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche.

Weitere Informationen und Anmeldung hier: KirchenVolksKonferenz

 

 

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