Sonntagsbrief zum 2. Sonntag in der Osterzeit, 3. April 2016

2. April 2016 von Regina Grotefend-Müller

Glaubwürdige Zweifel: eine wahre Schatzkiste

Der ungläubige Thomas, Rembrand, Hermanesz, van Rijn, Rijksmuseum AmsterdamAm Abend dieses ersten Tages nach dem Sabbat, als die Jüngerinnen und Jünger hinter geschlossenen Türen saßen aus Angst vor der jüdischen Obrigkeit, da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: »Friede sei mit euch!« Als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite. Da freuten sich die Jüngerinnen und Jünger, dass sie Jesus den Lebendigen sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: »Friede sei mit euch! Wie mich Gott gesandt hat, so sende ich euch.« Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und sagte ihnen: »Nehmt die heilige Geistkraft auf. Allen, denen ihr Unrecht vergebt, ist es vergeben. Allen, denen ihr dies verweigert, bleibt es.« Aber Thomas, einer der Zwölf, der Didymos oder Zwilling genannt wurde, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jüngerinnen und Jünger sagten zu ihm: »Wir haben Jesus den Lebendigen gesehen.« Er aber sagte zu ihnen: »Wenn ich nicht die Wunden der Nägel in seinen Händen sehe und meinen Finger in die Nägelwunden lege und mit meiner Hand in seine Seite greife, dann werde ich nicht glauben.« Nach einer Woche saßen die Jüngerinnen und Jünger wieder drinnen und Thomas war bei ihnen. Jesus kam – die Türen waren verschlossen – und trat in ihre Mitte und sagte: »Friede sei mit euch!« Dann sagte er zu Thomas: »Lege deinen Finger hierher und sieh meine Hände an und nimm deine Hand und greife in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!« Thomas antwortete und sagte zu ihm: »Ich verehre dich und will dir gehorchen, du bist der Lebendige, mein Gott!« Jesus sagte zu ihm: »Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Glücklich sind, die nicht sehen und trotzdem glauben.« Jesus tat noch viele andere Wunderzeichen vor seinen Jüngerinnen und Jüngern, die nicht in diesem Buch aufgeschrieben sind. Dieses hier aber ist aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Erwählte Gottes, und als Glaubende in seinem Namen Leben habt.

Joh 20,19-31
Bibel in gerechter Sprache

Kinder besitzen oft eine Schatzkiste, in der sie all die Dinge aufbewahren und vor dem Zugriff anderer behüten, ja, beschützen. Es ist ihnen wichtig, etwas ganz allein nur für sich zu haben, das ihnen nichts und niemand wegnehmen darf. Es ist ihr Geheimnis. Irgendwann verliert diese Kiste an Bedeutung, landet gar auf dem Dachboden oder im Keller und bleibt dort lange Zeit unbeachtet. Wie wichtig dennoch diese Schätze werden können zeigt sich dann, wenn man die Schatzkiste wiederfindet und öffnet. Mit Staunen, ungläubigem Zweifel holt uns dann manchmal die Vergangenheit ein. Das war uns alles einmal wertvoll und wichtig?

Bezogen auf meinen Glauben: ich wundere mich oft darüber, wie viel mir von dem, was ich einmal glaubend „gelernt“ habe heute nicht mehr wichtig ist, weil es heute nicht mehr trägt. Die Freunde Jesu machen ähnliche Erfahrungen. Thomas kommt dabei schlecht weg. Als der „Ungläubige“ ist er in die christliche Geschichte eingegangen. Doch meine Sympathie ist ganz auf seiner Seite.

Glaubensüberzeugungen, die in der Jugend mehr oder weniger fraglos übernommen wurden, geraten plötzlich in die Krise. Wir sind nicht ein für allemal im Besitz des Glaubens. Thomas bedeutet „Zwilling“. Für mich heißt das, dass er auch seine andere Seite sieht und anerkennt. Die eine Seite spricht davon, dass er Jesus nach dem richtigen Weg fragt und bereit ist, mit Jesus zu sterben. Seine andere Seite will es nach dem Ostertag wissen und den Glauben absichern. Mit unserer Glaubensentwicklung weitet sich auch unser Blick.

Ein Kind kann kaum über den Tisch und den Tellerrand hinausschauen und es nimmt als sicher an, was es sieht und erlebt. Für uns werden diese Gewissheiten später frag-würdig. Vielleicht liegt eine  Synthese der Zwillinge Glaube und Zweifel ja in dem ‚Sehen mit anderen Augen‘. Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupéry lässt in seiner Erzählung „Der Kleine Prinz“ den Fuchs zum Prinzen sagen „ Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar“. Unter diesem Wort offenbart der Fuchs das, was er sein ‚Geheimnis‘ nennt.

Jesus wurde einmal von Skeptikern und Zweiflern nach seinem Auferstehungsglauben gefragt. Er antwortete mit der Schrift: „Dass die Toten auferstehen, habt ihr das nicht im Buch des Mose gelesen, in der Geschichte vom Dornbusch, in der Gott zu Mose spricht: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? Er ist doch nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden“ (Mk 12,26f). Ist es also dann nach den Worten Jesu nicht eher so, dass der Mensch von Anfang an zu einem neuen, zu einem anderen Leben bestimmt ist, also aufersteht? Wenn wir glauben, erst durch Jesus Christus sei die Auferstehung in das Leben der Menschen gekommen, dann reden wir auf jeden Fall anders als Jesus gedacht und gelehrt hat. So lange wir in diesem Leben sind, sehen wir nur seine Vorderseite. Dass es eine Rückseite hat, können wir wohl nur erahnen, oder besser, durch die Auferstehung Jesu glauben.

Regina Grotefend-Müller

Bildnachweis: zeno.org: Rembrand, Hamensz, van Rijn: Der ungläubige Thomas

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