Sonntagsbrief zum 2. Sonntag im Jahreskreis, 17. Januar 2021

15. Januar 2021 von Tobias Grimbacher

„Du hast mich gerufen?“

Sprechblasen

In jenen Tagen schlief der junge Sámuel im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr den Sámuel und Sámuel antwortete: Hier bin ich. Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen.
Der Herr rief noch einmal: Sámuel! Sámuel stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen. Sámuel kannte den Herrn noch nicht und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden.
Da rief der Herr den Sámuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Sámuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört. Sámuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat heran und rief wie die vorigen Male: Sámuel, Sámuel Und Sámuel antwortete: Rede, denn dein Diener hört. 

1 Sam 3,3-10, EÜ

 

Du hast mich gerufen

Die Geschichte vom jungen Samuel, die uns die heutige Lesung schildert, ist recht bekannt. Darum möchte ich sie einmal aus einer anderen Perspektive erzählen:

 

In jenen Tagen hatte der alte Tempelpriester Eli nochmal einen Jungen aufgenommen, den er vielleicht als Nachfolger aufbauen konnte. Eli war schon lange nicht mehr so fit wie früher, aber die Zeit mit dem jungen Samuel hatte sich ganz gut angelassen. Bei allen praktischen Dingen ging ihm der Junge fleissig zur Hand, und abends, wenn Sami schon schlief, hatte Eli sogar ein paar Stunden für sich.

 

Nebenbei bemerkt: nicht nur Eli war in die Jahre gekommen. Auch seiner Religion kriselte. Elis Priester-Verwandtschaft nutze ihre Position aus, statt auf den Glauben zu vertrauen. In den Versen vor der heutigen Lesung heisst es, das Wort des Heiligen, göttliche Visionen, seinen selten gewesen in jener Zeit. Die Religion brauchte einen frischen Wind, um Gottes Botschaft weiter tragen zu können. Darin ist die Zeit des Samuel wohl unserer Zeit gar nicht so unähnlich.

 

Eli hatte noch einen Tee getrunken und wollte nun selber ins Bett, da kam Sami plötzlich angelaufen und sagte „Hier bin ich, Du hast mich ja gerufen“. Hatte er natürlich nicht, also schickte er den Jungen wieder weg, wunderte sich kurz und legte sich dann selber hin.

Wie so oft konnte Eli nicht einschlafen und wälzte sich im Bett von einer Seite zur anderen. Da stürmte plötzlich der Junge in seine Kammer und rief „Ich bin da, Du hast mich gerufen“. Nein, hatte er wirklich nicht. Sami sollte besser schlafen, so wie er es auch gern wollte.

 

Nebenbei bemerkt stelle ich mir vor, dass es nachts ziemlich dunkel war, in den Tempelgebäuden. Eigentlich hätte Samuel wohl eine Lampe gebraucht, um den Weg zu Eli zu finden. Die Geschichte ist also nicht gerade realistisch, zumindest ist sie nicht detailliert. Vielleicht ist sie auch nur symbolisch? Dann spricht sie umso mehr in unsere Zeit, selbst wenn in mein Schlafzimmer eine Strassenlaterne scheint und es dort tatsächlich nie richtig dunkel ist.

 

Dann, in der tiefsten Nacht, wurde Eli durch ein lautes Poltern geweckt. Und schon wieder stolperte Samuel mit seiner Lampe in der Hand herein und behauptete, Eli habe ihn gerufen. „Nein, geh wieder schlafen“, sagte der.

 

Nebenbei bemerkt bewundere ich die Gelassenheit Elis. Ich kann mir vorstellen, ich hätte den Jungen bei der dritten Störung ziemlich energisch weggeschickt, zumindest innerlich fluchend. Und sicher nicht gemerkt, dass da eine höhere Macht ihre Finger im Spiel haben könnte.

 

Eli sah dem Jungen nach, rief dann „Warte, Sami“. Wenn er den Jungen nicht gerufen hatte, war es immerhin möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, weil Gott schon lange zu niemandem mehr gesprochen hatte, auch zu ihm nicht. „Also, wenn Du wieder gerufen wirst, sagst Du 'Rede, Heiliger, denn Dein Diener hört'“, sagte er zu Sami. Es war einen Versuch wert, und immerhin würde der Junge nicht wieder gleich zu ihm rennen.

Und Eli schlief in der restlichen Nacht so tief und fest wie schon lange nicht mehr.

 

Nebenbei bemerkt: Die Lesung verschweigt uns, was Gott zu Samuel sagt, denn es ist eine Drohbotschaft. Sie fügt sich aber ein in die Grundhaltung Gottes, auf der Seite der Witwen und Waisen, der Hungernden und Kranken, der Machtlosen und Entrechteten, der Ausgestossenen und Trostsuchenden zu stehen. Das ist die Grundhaltung, die Eli und Samuel, Jesus und viele Glaubende zu allen Zeiten vermitteln. Wenn Wort und Visionen Gottes mal wieder selten sind, wie zu unserer Zeit, dann ist es an uns, diese Grundhaltung immer wieder neu in die Gesellschaft und die Kirche einzubringen - und, so wie Eli, den Jüngeren zuzutrauen, Gottes Worte zu hören und frischen Wind in die alte, etwas abgewirtschaftete Religion zu bringen.

 

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag

Tobias Grimbacher

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