Sonntagsbrief zum 2. Sonntag im Jahreskreis, 16. Januar 2022

14. Januar 2022 von Sigrid Grabmeier

Zum Nutzen für alle

Es gibt zwar verschiedene Gaben, aber es ist immer derselbe Geist. Es gibt verschiedene Aufgaben, aber es ist immer derselbe Herr. Es gibt verschiedene Kräfte, aber es ist immer derselbe Gott. Er bewirkt das alles in allen Menschen. Das Wirken des Geistes zeigt sich bei jedem auf eine andere Weise. Es geht aber immer um den Nutzen für alle. 

Der eine ist durch den Geist in der Lage, mit Weisheit zu reden. Ein anderer kann Einsicht vermitteln – durch denselben Geist! Einem Dritten wird durch denselben Geist ein besonders starker Glauben gegeben.Wieder ein anderer hat durch den einen Geist die Gabe zu heilen. Ein anderer hat die Fähigkeit, Wunder zu tun. Ein anderer kann als Prophet reden. Und wieder ein anderer kann die Geister unterscheiden. Der Nächste redet in verschiedenen unbekannten Sprachen, ein weiterer kann diese Sprachen deuten. Aber das alles bewirkt ein und derselbe Geist. Er teilt jedem eine Fähigkeit zu, ganz so, wie er es will. 

 1Kor 12,4-11 Basisbibel 

 

Zum Nutzen für alle

 

In der Gemeinde in Korinth tobt das Leben und somit auch Uneinigkeit und Streit. Paulus erfuhr dies durch eine kleine Gesandtschaft und schreibt eine Art Gardinenpredigt. Aus den unterschiedlichen Themen des Briefes können wir auf die Schwierigkeiten in der Gemeinde, einer Hausgemeinde, schließen. Wie groß die Gemeinde war, wissen wir nicht, vielleicht 30 – 40 Personen, bestehend aus der Familie inklusive Sklavinnen und Sklaven, womöglich noch einigen Personen im Umfeld des Hausherren; auf jeden Fall groß genug, um sich zu streiten. Offensichtlich gab es noch keine festen Regeln, wie etwas zu funktionieren hatte. Die Abkehr von bisherigen Gepflogenheiten, seien sie jüdischer oder paganer Art, die Konsequenzen des Gebotes der Nächstenliebe im Verhältnis von Mann und Frau oder von Herrschaft und Untergebenen waren schwer umzusetzen.

 

Insbesondere, und da wird Paulus sehr ausführlich, die Pflege der gottesdienstlichen Gemeinschaft und des Herrenmahles stellte wohl eine Herausforderung dar. Vor dem Hintergrund des starken sozialen Gefälles innerhalb der Gemeinde: „ Das Wirken des Geistes zeigt sich bei jedem auf eine andere Weise. Es geht aber immer um den Nutzen für alle.“ müssen wir uns vorstellen, was das bedeutete. Zwar heißt es im gleichen Brief „Frauen sollen in der Gemeindeversammlung schweigen. Ihnen ist es nicht erlaubt, dort zu sprechen.Vielmehr sollen sie sich unterordnen, wie es das Gesetz vorschreibt.“, (1Kor 14, 34) doch das widerspricht der Feststellung des Autors einige Kapitel vorher: „Doch vor dem Herrn gilt: Es gibt die Frau nicht ohne den Mann und den Mann nicht ohne die Frau. Denn die Frau ist aus dem Mann geschaffen, doch der Mann wird von der Frau geboren. Aber alles kommt von Gott her. (1 Kor, 11, 11). So gehen Bibelforscher davon aus, dass die Schweigeverordnung später hinein gemogelt wurde. - Für mich ist klar: im Gottesdienst - „vor dem Herrn“ - gab es keine Benachteiligung oder Unterdrückung von Frauen. - Doch das Schweigegebot für Frauen hat seine Auswirkungen bis heute. Das ist das Eine.

 

Das Andere: Zum Leben der Gemeinde und zum Gottesdienst gehörte die Beteiligung der Gemeindeglieder, jeder, jede ist begabt. „Aber das alles bewirkt ein und derselbe Geist. Er teilt jedem eine Fähigkeit zu, ganz so, wie er es will.“ - Auch im Brief, den Paulus etwa fünf Jahre später an die Christinnen und Christen in Rom schreibt, ermutigt er die Gemeindeglieder sich in den Dienst der Gemeinde zu stellen: „Wenn jemand die Gabe hat, als Prophet zu reden,soll er das in Übereinstimmung mit dem Glauben tun. Wenn jemand die Gabe hat, Aufgaben in der Gemeinde zu übernehmen, soll er ihr diesen Dienst tun.Wenn jemand die Gabe hat zu lehren, soll er als Lehrer wirken. Wenn jemand die Gabe hat zu ermutigen, soll er Mut machen.Wer etwas gibt, soll das ohne Hintergedanken tun. Wer für die Gemeinde sorgt, soll es mit Hingabe tun.Wer sich um die Notleidenden kümmert, soll Freude daran haben. (Röm 12, 6-8) 

 

Ich frage mich oft, und angesichts dieser Passagen bei Paulus auch heute wieder, ob wir die Priesterkirche, die sich innerhalb vieler Jahrhunderte entwickelt und verfestigt hat und die wir heute noch erleben, wirklich brauchen. Struktur und Ordnung ist wichtig, das hat auch Paulus so gesehen. Aber brauchen wir heute wirklich noch eine hierarchische Struktur, in der die Letztverantwortung für alles beim Priester liegt? Es ist höchste Zeit, dass wir als Söhne und Töchter, Erben und Erbinnen des lebendigen Gottes die Gaben, die uns gegeben sind, entwickeln und einsetzen. Und es ist höchste Zeit, dass wir uns dazu gegenseitig ermutigen und Raum geben. Zum Nutzen für alle.

 

Sigrid Grabmeier



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