Sonntagsbrief zum 2. Sonntag der Osterzeit, 23. April 2017

22. April 2017 von Sigrid Grabmeier

Neuorientierung

Kompass

Sie blieben fest bei der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, beim Brotbrechen und bei den Gebeten. Jede Person überkam ehrfürchtiges Staunen; viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel. Alle aber, die Vertrauen gefasst hatten, waren zusammen und teilten alles, was sie hatten. Sie verkauften ihren Besitz und ihr Vermögen und verteilten den Erlös an alle, je nachdem jemand Not litt. Tag für Tag hielten sie sich einmütig und beständig im Heiligtum auf, brachen das Brot in den einzelnen Häusern, nahmen Speise zu sich voll Jubel und mit lauterem Herzen, lobten Gott und waren gut angesehen beim ganzen Volk. Der Herr aber ließ täglich welche zu ihrer Rettung dazukommen.

Apg 2, 42-47 Bibel in gerechter Sprache 

Die Apostelgeschichte führt uns heute in das bereits nachpfingstliche Jerusalem. Die Apostel hatten ihre Angst und ihre Zweifel mit Hilfe der heiligen Geistkraft überwunden und verkündeten den Auferstandenen. „Diesen Jesus hat Gott aufstehen lassen; das bezeugen wir alle. Nachdem er nun zur Rechten Gottes erhöht worden war und vom Vater die verheißene heilige Geistkraft empfangen hatte, hat er diese ausgegossen, wie ihr das ja auch seht und hört.“ (Apg 2, 32-33) verbunden mit der eindringlichen Aufforderung: „Ändert euch! Und jede und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu, des Gesalbten, zur Vergebung eurer Sünden! So werdet ihr als Gabe die heilige Geistkraft empfangen.“ (Apg 2, 38) Sie hatten mächtig Zulauf, von 3000 an einem einzigen Tag wird erzählt. Das waren nicht nur Sympathisanten oder Neugierige. Sie fanden sich wirklich zusammen und begannen die Neuorientierung als Gemeinde umzusetzen. „Sie blieben fest bei der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, beim Brotbrechen und bei den Gebeten.“ Es blieb nicht nur bei den Worten, beim Beten und beim Brotbrechen. Der Anspruch war viel radikaler: „Alle aber, die Vertrauen gefasst hatten, waren zusammen und teilten alles, was sie hatten. Sie verkauften ihren Besitz und ihr Vermögen und verteilten den Erlös an alle, je nachdem jemand Not litt.“

Schauen wir nochmal zurück, auf die Fußwaschung: „Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr füreinander tut, was ich für euch getan habe.“ - Glaubwürdig wurde das, was die Apostel den Menschen zu sagen hatten, durch das Füreinander. Den Botschaften Jesu, der immer wieder die Strukturen von oben und unten, von reich und arm, von stark und schwach angegriffen und durchbrochen hat, folgt diese Lebensweise, die die Apostel auf ihrem Weg mit Jesus schon eingeübt hatten und die nun weiter gelebt wurde.

Wohl am schmerzhaftesten für die damals arrivierte Gesellschaft, so wie heute auch, war an dieser Neuorientierung genau die Struktur- und Systemkritik. Mit diesen Forderungen durchbrachen Jesus und seine Nachfolgerinnen und Nachfolger nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks. Sie durchbrachen die hochgezogenen und sorgfältig gehüteten Grenzwälle des Patriarchats, des Landbesitzes und Imperien, die oft genug von den religiösen Führern als von Gott gewollte Ordnung gerechtfertigt wurden. Mit dem Hinterfragen und dem Boykott dieser `Hierarchie´ strebte Jesus die `ursprüngliche, heilige Ordnung´, das Reich Gottes an.

Johannes Brinkmann, einer unserer Sonntagsbriefschreiber, hat für die beiden dahinter stehenden unterschiedlichen Lebens - Prinzipien schon vor Jahren in seiner Erzählung der Schöpfungsgeschichte „Am Anfang war die Einheit“ das Bild vom Ackerbauern und vom Hirten eingeführt. Ich zitiere aus seinem Sonntagsbrief für Pfingsten 2015, den er vor eine Reise nach Russland geschrieben hatte:

„Die Zeit des Ackerbauern muss vorbei sein, es ist höchste Zeit, dass die Zeit des guten Hirten anbricht! Wer heute in Territorien denkt, also in Kategorien denkt und handelt wie „unser Land, für das wir leben, notfalls unser Leben lassen oder sogar zu Töten bereit sind“, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. In Zeiten von Globalisierung, Klimawandel, knapper werdenden Ressourcen, Milliarden Menschen auf der Flucht und einem schon jetzt grenzenlosen Geldfluss, gilt es, das Leben selbst auf gute Weide zu führen. Jede und Jeder, an ihrem und an seinem jeweiligen Platz ist dazu berufen. „Global denken und lokal handeln“ muss die Devise sein und auch „liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“ Ich werde aber auch zum Ausdruck bringen, dass diese notwendige Neuorientierung nicht nur Russland und die Ukraine betrifft, sondern weltweit ansteht. Ihre Umsetzung ist eine Frage von Krieg und Frieden aber auch von gelingender Menschlichkeit. Will der Mensch sich als Abbild GOTTES erweisen, ist diese Neuorientierung Gebot der Stunde!“

Mit dem Auferstandenen auferstanden ist nach seiner schmachvollen, brutalen Hinrichtung und dem Verschließen seines Leichnams im Grab seine Verheißung des Reiches Gottes, auf das wir unsere Neuorientierung hin ausrichten an dessen Erfüllung wir uns alle beteiligen sollen.

 

Einen gesegneten Sonntag wünsche ich uns allen

Sigrid Grabmeier

 

Bildnachweis: Neuorientierung  © Sigrid Grabmeier

 

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