Sonntagsbrief zum 2. Sonntag der Fastenzeit, 13. März 2022

11. März 2022 von Sigrid Grabmeier

Kein Gottkönig

Jesus nahm Petrus, Johannes und Jakobus mit sich. Er stieg auf einen Berg, um zu beten. Während er betete, sah sein Gesicht auf einmal ganz verändert aus,und seine Kleidung glänzte strahlend weiß. Da redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija, die in Herrlichkeit erschienen. Sie sprachen mit Jesus über den Tod,der ihm nach Gottes Plan in Jerusalem bevorstand. Aber Petrus und die anderen waren fast eingeschlafen. Trotzdem hielten sie sich wach. So sahen sie Jesus in seiner Herrlichkeit und die zwei Männer, die bei ihm standen. Als die beiden sich von Jesus trennen wollten, sagte Petrus zu ihm:“Meister, es ist gut, dass wir hier sind.Wir wollen drei Zelte aufschlagen:eins für dich, eins für Mose und eins für Elija.“Aber er wusste nicht, was er da sagte.

Während Petrus noch redete, zog eine Wolke auf,und ihr Schatten legte sich über sie.Die Wolke hüllte sie ganz ein, und sie fürchteten sich. Eine Stimme erklang aus der Wolke: „Das ist mein Sohn, ihn habe ich erwählt. Hört auf ihn!“ Während die Stimme noch erklang,war Jesus plötzlich wieder allein. Die Jünger behielten das alles für sich. Sie erzählten damals niemandem, was sie gesehen hatten.


Lukas 9, 28-36 Basisbibel 

 

Kein Gottkönig

 

Die Bilder, die Lukas in dieser Erzählung mit Worten entstehen lässt, wären für eine Phantasy - Produktion eine reizvolle Episode. Und natürlich hat gerade diese Szene in der Malerei eine großartige Ausgestaltung erfahren. Um so schwerer ist es für uns heute damit umzugehen. Das ist nicht der Jesus, den wir sonst so kennen, der unter den Leuten ist, für sie da, aktiv, heilend, segnend, verkündend. Hier wird uns Jesus aus einer völlig anderen Perspektive gezeigt: zurückgezogen, kontemplativ, in innigem Austausch mit Gott. Und vor allem wird uns – wie auch dem Publikum damals - nahegebracht, dass dieser Mann aus Nazareth ganz sicher alles andere als ein normaler Mensch ist und dem Göttlichen nahesteht. 

 

Den Menschen damals, zumal den „Heiden“ waren die Ideen von Göttersöhnen nicht fremd. Zum einen wimmelte es in der Mythologie vor Halbgöttern, zum anderen gehörte es zum guten Ruf beispielsweise eines römischen Kaisers, sich als göttlich zu bezeichnen und sich wie ein Gott verehren zu lassen. Die Göttlichkeit, die Gottessohnschaft Jesu aber, die schon bei Markus und dann auch bei Lukas vermittelt wird, ist eine völlig andere. 

 

Tragen die römischen oder griechischen Gottheiten durchaus menschliche Züge, so entwickelte sich die Vorstellung von Jahwe im Verlauf vieler Jahrhunderte zu einem einzig und allmächtig waltenden Gott, dessen Name nicht ausgesprochen werden darf,und von der es kein Bildnis gibt. Der Mythos des von einer Jungfrau geborenen Gottessohnes ist in der antiken Gedankenwelt angesiedelt, doch das Leben und Wirken Jesu entwickelt sich in eine ganz andere Richtung. Geboren unter widrigen Umständen, schon als Säugling verfolgt von einem blutrünstigen Herrscher, bedeutet für ihn Gottessohnschaft nicht ein Auftritt in Herrlichkeit und Machtvollkommenheit sondern als Überbringer einer Botschaft von sozialer Gerechtigkeit, Demut, gegenseitigem Respekt, Hilfsbereitschaft und Versöhnung. Er fordert anders als die römischen Kaiser keine Verehrung als Gottkönig ein sondern er verkündet einen liebenden Gott, dessen Liebe zu den Menschen unter den Menschen weitergegeben und weitergelebt werden soll.

 

Jesus, der Mann aus Nazaret steht in der Tradition von Mose und Elija, den großen Propheten, die selbst, wie er in dieser Bergbegegnung auch, Gott in Erscheinungen begegnet sind. Moses im brennenden Dornbusch, Elija im säuselnden Wind. Seine Botschaft aber soll über das jüdische Volk hinaus wirken.

 

Wie schmerzhaft erleben wir und gerade die direkt Betroffenen, wie grausam die Göttersöhne in der Tradition der antiken Gottkönige ihre Macht missbrauchen, auch im Namen dessen, der die Liebe Gottes und die Nächstenliebe verkündet hat. Wie sie Verbündete finden unter Vertretern einer Religion, die sich eigentlich nicht den Mächtigen sondern den Machtlosen zuwenden soll. Die Hässlichkeit, die Brutalität, die Gnadenlosigkeit dieser Despoten zerstört, vernichtet und tötet. Um so wichtiger muss uns daher die Botschaft und der Auftrag Jesu sein.

 

Sigrid Grabmeier 

 

Verleih uns Frieden genädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten,
es ist doch ja kein ander nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott alleine.

Martin Luther

 

Heinrich Schütz

Geistliche Chormusik - Verleih uns Frieden genädiglich SWV 372

 

 

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