Sonntagsbrief zum 19. Sonntag im Jahreskreis, 9. August 2020

7. August 2020 von Magnus Lux

Ihr Kleingläubigen!

Das Wasser steht mir bis zum Hals

Gleich darauf drängte er die Jünger, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um für sich allein zu beten. Als es Abend wurde, war er allein dort. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam er zu ihnen; er ging auf dem See.Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.

Doch sogleich sprach Jesus zu ihnen und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht Petrus erwiderte ihm und sagte: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme! Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus.

Als er aber den heftigen Wind bemerkte, bekam er Angst. Und als er begann unterzugehen, schrie er: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.

Mt 14,22-33 Einheitsübersetzung  

Ihr Kleingläubigen

Die letzte Schulaufgabe. Jetzt kommt’s drauf an. Wenn die daneben geht, dann war’s das. Dann ist eine Ehrenrunde fällig. Mir steht das Wasser bis zum Hals. Da schiebt mir mein Nachbar den rettenden Strohhalm zu. Ich ergreife ihn und sehe wieder Land. Gerettet!


Was hat denn diese Geschichte mit dem heutigen Evangelium zu tun, empört ihr euch vielleicht. Ich frage jetzt mal, wie ein „vernünftiger“ Mensch fragt. Erstens: Wo kommt in einem Klassenzimmer so viel Wasser her? Da hätte die Schule doch längst evakuiert werden müssen. Zweitens: Wie kann jemand schreiben, wenn er unter Wasser schreibt? Und was ist mit denen, die einen Kopf kleiner sind? Drittens: Wo hat der Nachbar plötzlich einen Strohhalm her und wie kann sich denn jemand an einem Strohhalm aus dem Wasser retten? Viertens: Was soll denn das: Ich sehe wieder Land – mitten in der Stadt?

Sicher werdet ihr jetzt sagen: Was für blöde Fragen! Wir wissen doch, wie’s gemeint ist! Natürlich wissen wir, wie’s gemeint ist. Wir sprechen in Bildern, die wir verstehen, niemand käme auf die Idee, die Geschichte wörtlich zu nehmen.

Und wie ist das mit der Geschichte vom Gang über den See, die wir heute in Evangelium lesen? Meint ihr, die Menschen damals haben nicht auch in Bildern gesprochen? Jesus hat in Gleichnissen gesprochen, in einer Bildersprache, die die Menschen verstanden haben. Und die Männer im heutigen Text haben die Bilder der Fischer benutzt: Sturm und hohe Wellen und Angst vor dem Versinken. So ist diese Geschichte ein österliches Zeugnis, dass Jesus der Retter ist, dass das Vertrauen auf ihn berechtigt ist. „Herr, rette mich!“ ruft nicht nur Petrus in seiner Angst, sondern das haben wohl viele der jungen Christinnen und Christen gerufen, wenn in der Zeit der Christenverfolgung die Wellen über ihren Köpfen zusammengeschlagen sind.

„Ihr Kleingläubigen!“ gilt auch uns Menschen heute: Ihr Kleingläubigen, die ihr euch pingelig an eure Vorschriften haltet; ihr Kleingläubigen, die ihr euch krampfhaft an eure Überlieferungen anklammert; ihr Kleingläubigen, die ihr euer erstes Vertrauen verloren habt und nun meint unterzugehen, nur weil nicht alles so läuft, wie ihr euch das ausgedacht habt! 

Was sagt uns Matthäus in unserer Zeit? Wenn wir an den Synodalen Weg denken, dann sehen wir: Ja, wir bekommen Gegenwind. Aber wir brauchen keine Angst zu haben; denn wir sehen keine Gespenster, sondern uns ist klar: Es geht uns um die Botschaft von Jesus, dem Mann aus Nazaret, nicht um überholte und verkalkte Strukturen der römischen Kirche, die uns dieser Botschaft mehr entfremdet, als dass sie uns zu ihr hinzuführt. Im Vertrauen auf diesen Mann aus Nazaret gehen wir über das Wasser – und wenn wir Angst haben unterzugehen, reicht er uns die Hand, dann bekommt das Wasser für uns Balken. Wir haben keinen Grund zu zweifeln. Ist er in unserer Mitte, dann legt sich der Wind und wir können getrost den Synodalen Weg, ja unsere ganze Lebensfahrt fortsetzen. Ich habe früher meinen Schülerinnen und Schülern oft gesagt: Lest mal die Bibel im Dialekt, in unserer Umgangssprache; dann spricht sie uns mehr an als in einer Sprache, die uns trotz moderner Übersetzung heute fremd ist.

Magnus Lux

 

Zurück