Sonntagsbrief zum 18. Sonntag im Jahreskreis, 31. Juli 2022

28. Juli 2022 von Günther Doliwa

Geh, wohin Dein Herz dich zieht

Geh, wohin dein Herz dich zieht

Erfahrungen von Leere und Fülle 

 

Heute haben wir – und mit diesem Beitrag verabschiede ich mich als Sonntagsbriefschreiber - ein schönes Kontrastprogramm vor uns, ein Spitzenspiel zwischen dem Meister des Mangel-Blicks (dem Prediger/Kohelet) und dem Meister des Fülle-Blicks (Jesus). Beim erstgenannten Prediger sind alle Antworten sozusagen „Blowin‘ in The Wind…“ (Bob Dylan). Alles hat seine Zeit. Alles Strampeln sei für die Katz. „So viele Träume, so viel Nichtigkeit - Haschen nach dem Wind.“ (Koh 5,6)

 

Bedrückte ohne Tröster Tränen ohne Trost
Reichtum ohne Frieden Besitz ohne Behalten 
Unrast ohne Muße Plappern ohne Weisheit
Urteil ohne Maß Faustrecht ohne Recht
Mühe ohne Ruhm Planen ohne Glück
Gaffen ohne Fühlen Versprechen ohne Halt
Vermögen ohne Erben Erbschaft ohne Anstand
Tische ohne Gäste Sattheit ohne Schlaf
Leben ohne Güte Gärten ohne Baum
Anfang ohne Ende Unglück ohne Wende
Unrecht ohne Folgen – und alle trifft dasselbe Geschick
Was rät der Prediger Zeitgenossen?
Besser ist Weisheit als Kriegsgerät (9,18)
Iss fröhlich, trinke wohlgemut (bevor’ s für dich ein andrer tut!)
Trag weiß, trag bunt und mach dich schön
Genieß das Leben mit dem, den du liebst
Tu du ganz, was du zu tun vermagst
Sei guter Dinge, egal was blüht
Bann den Ärger fest aus dem Sinn
Halt Böses fern von Anbeginn
Geh, wohin dein Herz dich zieht (11,9)
Besser ist’s, sich bei all seinem Tun zu freu‘ n

 

Welt und Mensch im Mangelzustand (theologischer Schlüsselbegriff: Erbsünde; Erfinder: Augustinus; über Luther tief ins evangelische Bewusstsein eingedrungen). Immer fehlt was ohne das andere. Der Himmel als eigentliche Heimat? Wir seien nur „Gast auf Erden“ (betonen auch russisch-orthodoxe Prediger). Was heißt hier „nur“? Das Gastrecht auf Erden vom Ende her aufzufassen und es somit gering zu achten, wäre Selbst-Entwurzelung vor der Zeit, die uns geschenkt ist. Weltflüchter, die Jesus in eine lebensfeindliche Norm pressen wollen, halten uns gerne Tugendkataloge vor die Nase. Als ob man damit dem Leben gerecht werden könnte. Töte das Irdische: Unreinheit, Leidenschaft, Begierde, Habsucht, Lüge, Götzendienst… was immer das unter damaligen Vorzeichen meinen sollte. Arthur Schopenhauer kommt zum Schluss: „was einer für sich selber ist, was ihn in die Einsamkeit begleitet und was ihm keiner geben oder nehmen kann, ist offenbar für ihn wesentlicher, als alles, was er besitzen, oder auch was er in den Augen anderer sein mag.“ (Aphorismen zur Lebensweisheit) Glück liege in Gesundheit und Geistesruhe. Das kommt dem Prediger (Kohelet) sehr nah. 

 

Und wie agiert Jesus, „in dem die Fülle wohnt“ (Kol 1,19)? Leib und Leben zu lieben, nicht nur das eigene, ist uns leibhaftig aufgegeben. Jesus ist darin ganz Mensch. Wer meint, Jesus sei zur Welt gekommen, um der Welt zu sagen: Sei nicht! der hat Jesu Dasein (Inkarnation) gründlich missverstanden. Er kam nicht, um aufzuheben, sondern um es mit Leben und Liebe zu erfüllen. Wie er das Denken entrümpelt und öffnet, lesen wir in gleichnishaften Versprechen, in denen sich das Leben erfüllt. Er legt Spuren, indem er im höchsten Maße sensibel ist für Re-sonanz (zurück-tönen). Er bettet Fragen und Normen in Geschichten, die plötzlich aufblühen und tönen wie Menschen, die aufblühen und mittönen – zur Freude des Klang-Schöpfers. Man könnte es „Resonanzglück“ nennen, wenn sie vertrauen und zum Leben finden. Welche Rolle soll Jesus in der Kirche spielen? Was der Meister nicht alles soll! Wie Herkules den Stall, so soll er seine Kirche ausmisten! Meister, sag Franziskus, er soll die Kirche reformieren! Aber noch zu Lebzeiten! Meister, sag Woelki, er soll endlich abhauen aus seinem Amt, dem er nicht gewachsen ist! Meister, sag Kyrill, er soll nicht mit Putin paktieren! Wie korrigierte Franziskus Kyrill? „Bruder, wir sind keine Staatskleriker und dürfen nicht die Sprache der Politik, sondern wir müssen die Sprache Jesu sprechen. Der Patriarch kann sich nicht zum Messdiener Putins machen." (März 2022) 

 

Was aber, wenn Machtworte der Mächtigen aufräumen mit der Wortmacht der Sprachgewaltigen? Was, wenn die Welt nicht mehr spricht zu uns, nicht seufzt, nicht schreit, nicht in Liebe berührt, nicht zu Hilfe ruft? Was, wenn Welt unsausgebrannt zurücklässt? Was, wenn eine liebe Beziehung sprachlos geworden ist? Was, wenn Kirche und ihre vorgebeteten Rituale uns leer ausgehen lassen? Was, wenn Kirche in Stände zerfällt, in Kleriker und Laien? Was, wenn sie reformresistent scheint? Was, wenn die theologische Forschungsdynamik die traditionellen Lehren als unhaltbar erweist und Kirche als „dringend umgestaltbar“ diagnostiziert? Was aber wünscht die Kleriker-Kaste? Evangelisation! Ohren auf Empfang stellen, als wären Menschen nicht auch Sender und Träger von Erfahrungen, die uns berühren, ergreifen, vor Rätsel stellen, herausfordern, anfragen. Da taucht jäh die Frage auf, was man hier noch zu suchen hat. 2021 haben 360.000 Stimmberechtigte allein der katholischen Kirche den Rücken gekehrt. Sie „kündigen“ gleichsam, weil sie sich der institutionellen Logik widersetzen und suchen ihr Glück draußen. Außerhalb der Kirche ist auch Heil. (Oder will jemand den gegenteiligen Lehrsatz aufrechterhalten!?) Gottes Welt ist groß und resonanzfähig genug. Wenn ein Weltbereich uns nichts mehr zu sagen hat, müssen wir weggehen, um nicht unsere Stimme zu verlieren. Gehen ist eine Stimmabgabe. Die Stimme brauchen wir, um selber antwortfähig zu sein. Wenn all diese Austritte der Kirchenleitung nichts sagen, darf man von „Resonanzkatastrophe“ sprechen. Menschen müssen erwarten dürfen, selbst wirksam zu sein, Welt zu berühren, etwas zu erreichen, sich und die Welt ein Stück zu transformieren. Ohne Selbstwirksamkeitsperspektive, keine gemeinsame Gegenwart. (Vgl. dazu Hartmut Rosa, Resonanz)

 

Worin besteht also Reichtum? In Antwortbeziehungen (Resonanz) leben, ist Reichtum. Die Welt für Interessen zu instrumentalisieren, verarmt uns und bringt Welt zum Verstummen durch Wachstumszwang, Beschleunigung, Ressourcenfixierung. Der Gegenbegriff ist Entfremdung, Verweigern einer Welt-Beziehung, erfahrbar in Psychokrisen: Erschöpfung, Angst, Burnout, Depression. Resonanz und Entfremdung sind (nach H. Rosa) in dialektischer Beziehung. Räume, in denen keine Antwortbeziehungen mehr möglich sind (oder scheinen), laden gleichsam aus. Wird die Eigenschwingung der Beteiligten gedämpft, gar unterdrückt (Gehorsam, Schweigen aus Angst vor Repression), und werden Stimmen unhörbar gemacht (durch Ächtung, Gefängnis, Niederschlagung von Protest), dann stehen sich Subjekt und Welt starr und stur gegenüber (Putins extrem langer Distanz-Tisch als Symbol). Um das Unverfügbare zu erzwingen, werden Wahrheitsmonopole errichtet. Das Volk wird zum Empfänger von Deutungen. Für Patriotismus um jeden Preis liegen Gewaltexzesse im Bereich des Möglichen. So stumpft der Geist ab. Wo kommt dann der frische Wind der Veränderung her?

 

Wie reagiert Jesus auf Festgefahrenes? Er tritt höchst streitbar für das Leben ein. Er zertrümmert Egoismus und Legalismus. Er versprüht frischen Geist. Er vertuscht nicht, schützt Täter nicht, hat einen Blick für Opfer, (nicht für deren angebliche „Sünden“). Er konfrontiert Tradition mit Empathie. Er wickelt Antworten in Geschichten ein. Jesus erfindet meisterhaft poetische Gleichnisse, die anregen, selber zu denken. Mensch, bin ich denn Richter? Bin ich denn Jurist und Scheidungsanwalt? Bin ich denn Priester!? Bin ich Schiedsrichter? Bin ich moralischer Grenzlinienverwalter? Jesus fragt, und allein dies sollte allen Zweiflern Aufwind geben, zu ihren Fragen zu stehen: Wer ist mein Nächster? Das gilt auch im Krieg, den sein Bruder „Kain“ anfängt (mit zweifelhaften Gründen). Wie sollte ich nicht dein Hüter sein, Abel!? „Abel steh auf/ damit es anders anfängt/ zwischen uns allen“ (Hilde Domin). 

 

Jesus als Meister der Resonanz, der im Begegnen zum Klingen und Schwingen bringt, was die Welt so dringend braucht, stiftet unterwegs (!) an zu Solidarität und Gastfreundschaft. Er distanziert sich von Macht-, Vorteils- und Besitz-Denken. Nachfolge verlangt Abkehr von Sicherheit, vom Horten vergänglicher Schätze (Kohelet). Die Stunde ist nicht in unserer Hand. Jesus findet Halt im wandernden Sternenzelt Gottes. Er gibt sich nicht her, Erwartungen zu bedienen nach Gusto. Er handelt mit Weisheit, lebt die Goldene Regel; sie ist unendlich im Vorteil: denn sie enttäuscht nie. Torheit ist, nichts für alles zu halten, da alles nichts ist. Außer der Fülle, die allerdings ist - unverfügbar

© Günther M. Doliwa - 31.7.2022 – www.doliwa-online.de

Bild:

 Günther M. Doliwa "Farben-Fülle" der Evangelisten" - St. Georg, Weikersheim, 

 

Kirchliche Reformgruppen, Betroffeneninitiativen sowie katholische Verbände und Initiativen  treffen sich am Samstag 24. und Sonntag 25. September 2022 in Köln bei einer

KirchenVolksKonferenz

„Wir gehen schon mal voran – für eine synodale Kirche der Zukunft“  

 und laden auch alle Interessierten und Engagierten aus nah und fern herzlich dazu ein.  

 

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