Sonntagsbrief zum 17. Sonntag im Jahreskreis, 25. Juli 2021

23. Juli 2021 von Eva-Maria Kiklas

Gerechtigkeit und Solidarität

Ökumenischer Kirchentag 2010 Gedächtnismahl

 

Danach ging Jesus fort an das andere Ufer des galiläischen Sees, der bei Tiberias liegt. Viele Leute folgten ihm, weil sie die Wunderzeichen gesehen hatten, die er an den Kranken getan hatte. Jesus ging hinauf auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngerinnen und Jüngern. Es war kurz vor dem jüdischen Pessachfest. Als Jesus nun seine Augen erhob und sah, dass viele Leute zu ihm kamen, sagte er zu Philippus: „Wo sollen wir Brote kaufen, damit sie zu essen haben?“ Dies sagte er, um ihn auf die Probe zu stellen; denn er wusste selbst, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: „Brote für 200 Denare würden nicht reichen, damit alle auch nur ein bisschen von ihnen bekämen“. Andreas, ein Jünger Jesu, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm: „Es gibt ein Kind hier, das fünf Gerstenbrote und zwei Fische hat; aber was ist das für so viele?“ Jesus sagte: „Lasst die Menschen sich niedersetzen!“ Es gab viel Gras an dem Ort. Die Menschen setzten sich also, an Zahl waren es ungefähr 5000. Da nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und gab denen, die dort saßen, und genauso gab er ihnen auch von den Fischen, so viel sie wollten. Als sie satt waren, sagte er zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: „Sammelt die übrig gebliebenen Stücke, damit nichts verloren gehe.“ Sie sammelten sie also und füllten zwölf Körbe mit den Stücken von den fünf Gerstenbroten, die beim Essen übrig geblieben waren. Als nun die Menschen das Wunderzeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: „Dieser ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommt!“Als Jesus nun erkannte, dass sie kommen und ihn ergreifen wollten, um ihn zum König zu machen, zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.

 

Joh 6,1-5Bibel in gerechter Sprache

 

 

Gerechtigkeit und Solidarität

 

Es ist im Moment schwer, über etwas Anderes zu sprechen- oder zu schreiben- als über die Katastrophe, die über Deutschland in Gestalt des verheerenden Hochwassers gekommen ist. Kaum erfreuen wir uns einiger Lockerungen nach 1 1/2 Jahren Corona, müssen wir die nächste Katastrophe verkraften mit vielen Toten, Verwüstungen und vernichteten Existenzen, Bilder, die wir bisher z.B. von Bangladesch kannten. Und dazu die Prognosen, dass weder das Virus Corona besiegt, noch das Hochwasser ein einmaliges Ereignis sein wird. Und es wird auch deutlich, dass sowohl die Pandemie als auch die Folgen des Klimawandels keine territorialen Ereignisse, sondern globale Krisen sind. Das heisst, dass die Bewältigung und der Umgang damit eine Aufgabe der gesamten Menschheit ist. In einer Zeit des Individualismus und des zunehmenden Nationalismus muß sich die Menschheit  „zusammenraufen“, wenn sie überleben will. Anders geht es nicht mehr. Und bei den Problemen ist sofortiges Handeln notwendig. Wie soll das gehen? 

 

In dieser Situation hören wir am Sonntag den Bericht von der sog, "wunderbaren Brotvermehrung". Auch eine Notsituation, die eine Herausforderung war: wie sollten 5000 Menschen verpflegt werden? Auch der Gang in das nahegelegene Dorf wäre keine Lösung gewesen. Die Vorräte für so viele hätten nicht ausgereicht. Ich denke,  Jesus war kein genialer Zauberkünstler oder Wundertäter, aber ein genialer Menschenkenner: er fordert die Menschen auf, solidarisch miteinander umzugehen: „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt“ heißt es in einem Kirchenlied. Und so geschieht es auch.

 

Ich denke, nur auf dieser Basis kann die Menschheit überleben, können die  Probleme gelöst werden: durch Solidarität, die von Gerechtigkeit gestützt wird. In den Berichten aus den Flutorten wird von den Betroffenen immer wieder hervorgehoben, wie tröstlich es ist, die Hilfsbereitschaft zu erleben, von oft fremden Menschen, von Feuerwehr und Hilfwerken, die oft unter Gefährdung des eigenen Lebens bereit sind zu retten und zu helfen. Diese so positive Erfahrung haben wir Dresdner auch 2002 beim Hochwasser machen dürfen. Ein Hoffnungszeichen!

 

Das Brotwunder, das  Wunder des Teilens, das Jesus in Gang setzt, hat auch mit Gerechtigkeit zu tun; denn viele der Anwesenden hätten sich vielleicht kein Brot kaufen können. Gerechtigkeit ist das Wort, das in der Bibel am meisten genannt wird. So ist die Herstellung gerechter Strukturen unumgänglich, um „alle satt“ zu bekommen.  Das fängt bei der Ernährung an und hört bei den Kriegen auf, die einen Teil der Menschheit in unendliches Leid stürzen. In einem Leitartikel meiner Tageszeitung las ich: „Die EU muß einen Balanceakt zwischen Klimaschutz und sozialer Grechtigkeit vollbringen. Die Ärmeren müssen darauf vertrauen können, dass sie die Folgen des Klimawandels nicht stärker als die Reichen treffen. Wer Geld hat, wird einen Weg finden, sich in Sicherheit zu bringen. Wem es fehlt, der bleibt zurück. Der Green Deal wird aber  nur zu einem Erfolgsmodell, wenn er ein sozial gerechter Deal ist."( Damir Fras).

 

Ich glaube, dass wir im Moment an einem Scheideweg stehen. Die Ereignisse, die wir erleben, sind wie ein apokalyptisches Menetekel, das zur „Umkehr“ mahnt und das zum gemeinsamen Handeln in Solidarität und Gerechtigkeit führen muß. Wäre das nicht die Erfüllung der Vaterunser-Bitte: „Dein Reich komme!“ ? Eine Utopie?

 

„An dieser Stelle und in diesem Augenblick sind wir die Menschheit,

ob es uns passt oder nicht.“ ( Samuel Beckett)

Einen gesegneten Sonntag!

Eva- Maria Kiklas

Bild: Ökumenischer Kirchentag 2010 in München; von Wir sind Kirche vorbereitetes Gedächtnismahl "Gebt ihr ihnen zu essen"- © Fritz Wallner

Der Ablauf und die Texte des Gottesdienstes finden sie hier:

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