Sonntagsbrief zum 17. Sonntag im Jahreskreis, 24. Juli 2022

22. Juli 2022 von Tobias Grimbacher

Lehre uns beten!

Jesus betete einmal an einem Ort; als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat!
Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen! Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung!
Lukas 11, 1-4 Einheitsübersetzung

 

Lehre uns beten!

Das Vater unser, wir alle kennen es, viele beten es täglich, teils sogar mehrmals. Dennoch lohnt sich ein genauerer Blick. Ich möchte ihn heute auf drei Verse werfen:

 

„Und führe uns nicht in Versuchung“. Manche Christinnen und Christen tun sich schwer damit, denn das könne doch nicht sein: Gott ist die absolute Liebe, und würde uns niemals absichtlich in Versuchung führen, in die falsche Richtung lenken! Ich glaube, dass darin schon ein Teil der Lösung liegt: Gott ist Liebe; aber Gott ist immer auch mehr, viel mehr, als wir mit unserer Vorstellungskraft fassen können. Dieses Nicht-Erfassen, dieses Zu-Klein-Denken des Göttlichen, das ist meines Erachtens die grosse Versuchung, in die Gott – unsere begrenzte Vorstellung von Gott – uns immer wieder führt. Mit fatalen Folgen. Die grössten Verbrechen der Menschheits- und Kirchengeschichte wurden (und werden) nicht begangen, weil sich Menschen Gott zu gross vorstellen, sondern weil sie Gott nicht zutrauen, auch noch mehr zu sein, als die eigene Vorstellungskraft zulässt – auch noch anders zu sein, als die begrenzten Erfahrungen vorspielen. Weil wir Gott letztlich nicht als übersteigende, andersartige – und damit infragestellende – Möglichkeit anerkennen wollen. Wobei ich Gott gar nicht all die Liebe und vertraute Nähe zu Menschen absprechen möchte; wenn Gott zwischen Menschen wirkt, kann manchmal etwas entstehen, was sie sich nie vorgestellt, nie für möglich gehalten hätten. In den zehn Geboten, die fast so bekannt sind wie das Vater unser, heisst es: du brauchst nicht lügen, stehlen, begehren – vor allem und zuerst aber: du brauchst dir kein Bild machen von Gott. Weil jedes Bild die Versuchung birgt, dass wir das Bild für absolut setzen, dass wir das Bild anbeten, und Gott vergessen.

 

Vielleicht hilft uns aber auch der nachfolgende Vers, „sondern erlöse uns von dem Bösen“. Aufmerksam Lesende haben bestimmt bemerkt, dass dieser Vers in der heutigen Perikope fehlt. Laut Lukas gehört er also nicht zum Gebet Jesu. Wurde er möglicherweise ergänzt, um den vorhergehenden Vers auszudeuten, als dessen Antithese? Das Gegenteil der Versuchung wäre demnach die Erlösung vom Bösen. In vielen Episoden der frohen Botschaft entlarvt Jesus die Strukturen der Gesellschaft als „böse“. Er weist hin auf zu Unrecht Benachteiligte, zu Unrecht Ausgegrenzte, zu Unrecht Reiche, zu Unrecht Herrschende. Die Anerkennung dieses Unrechts ist ein erster Schritt zu Erlösung, ein Schritt zur Lösung. „Dein Reich komme“ beten wir mit Jesus. „Dein Wille geschehe“ betet Jesus hier nicht – denn Gottes Wille geschieht nicht einfach so, er geschieht nur, wenn wir ihn tun, wenn wir an der Erlösung, der Lösung der ungerechten gesellschaftlichen Strukturen mitarbeiten, und uns nicht den Versuchungen der für mich doch ganz angenehmen und stabilen Ordnung hingeben.

 

Zum Schluss, es führt kein Weg daran vorbei: das täglich gebrauchte Brot (oder ein anderer Kohlenhydrat-Lieferant). Der zunehmende Kollaps der Klimasysteme führt – global betrachtet – schon seit einigen Jahren zu rückläufigen Ernteerträgen. Nicht erst in diesem Sommer wird weniger geerntet, als verbraucht wird. Hitze, Dürre, Überschwemmungen, Stürme – da kommt der Krieg (übrigens auch in Teilen Afrikas) nur oben drauf. Bei uns macht das teurere Getreide nur ein paar Cent pro Brotlaib aus – auch wenn höhere Energie- und sonstige Kosten den Mühlen, Bäckereien, Gross- und Einzelhändlerinnen zugegeben zusätzlich zu schaffen machen. Für Menschen in fast reinen Importländern ist die Situation dramatisch und bringt z.B. im Libanon, in Sri Lanka oder im Sudan die ohnehin instabile Gesellschaft vollends ins Wanken. Für die Hungernden ist es egal, ob Russland nun eigenes, oder geklautes ukrainisches Getreide verschifft, Hauptsache es komme überhaupt etwas an! Natürlich gilt „du brauchst nicht stehlen, töten, begehren“ auch für Putin und andere Kriegstreiber. Natürlich sollen wir genau hinschauen. Aber das grösste Menschheitsproblem bleibt die ungebrochene Erhitzung unseres Planeten.

Mit den Jüngerinnen und Jüngern möchte man aufs Neue bitten: Jesus, lehre uns beten. Damit „Dein Reich komme“!

Tobias Grimbacher 

 

Kirchliche Reformgruppen, Betroffeneninitiativen sowie katholische Verbände und Initiativen  treffen sich am Samstag 24. und Sonntag 25. September 2022 in Köln bei einer

KirchenVolksKonferenz

„Wir gehen schon mal voran – für eine synodale Kirche der Zukunft“  

 und laden auch alle Interessierten und Engagierten aus nah und fern herzlich dazu ein.  

 

Zurück