Sonntagsbrief zum 16. Sonntag im Jahreskreis, 17. Juli 2022

15. Juli 2022 von Johannes Brinkmann

Vom Gefängnis der stereotypen Geschlechterrollen

Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.

Lk 10, 38-42 Einheitsübersetzung

 

 

 

Vom Gefängnis der stereotypen Geschlechterrollen!

 

Die sogenannte „Sorgearbeit“ ist Teil des Stereotypes Frauenrolle.

„Männer und Jungen gelten als entschieden, rational und durchsetzungsstark; Frauen und Mädchen sind der imaginierte Gegenpol: wankelmütig, sorgend, bescheiden und emotional. Dieses Band ist extrem robust, flexibel, langlebig und nur unter großen Anstrengungen zu durchtrennen. Der Ort, an dem das wundersame Band gefertigt wird, die Spinnerei der Ungerechtigkeit der Geschlechter, ist das Patriarchat.“ 

Das schreibt Boris von Heesen in dem Kapitel „Gerechtigkeit“ seines zurecht viel beachteten Buches „Was Männer kosten: Der hohe Preis des Patriarchats“ (erschienen am 09. Mai 2022 im HEYNE-Verlag). 

 

Es stellt den Versuch dar, die Folgen einer toxischen Männlichkeit in einer monetären Quantifizierung sichtbar zu machen. Das Patriarchat entblößt er als Quelle des ganzen Dilemmas von Ungerechtigkeit und Krieg! Themen sind: Häusliche Gewalt, geschlagene Frauen, Suizid und Depressionen, exzessiver Drogenkonsum, sexualisierte Sprache und Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, blinde Wut, sowie über Männer, die jede soziale Verantwortung zugunsten des eigenen Profits komplett ausblenden, u.v.m.. Er kommt zu der erschreckenden Zahl von 63 Milliarden Euro Schaden im Jahr allein in Deutschland, die diese toxische Männlichkeit anrichtet! Dabei ist er bei seinen Berechnungen eher vorsichtig als forsch. Er räumt auch ein, dass viele der Kosten der toxischen Männlichkeit gar nicht beziffert werden können und so die wahren Kosten noch deutlich höher liegen!

 

Als die Menschen sesshaft wurden, rissen sie den Menschen in zwei Hälften und ordneten sie den Geschlechtern zu. Das geschah um sicher zu stellen, dass alle zusammenblieben, obwohl ihr neues Leben nun sehr viel anstrengender und entbehrungsreicher wurde. Und der Mann, der ja schließlich den kraftaufreibendsten und körperlich anstrengendsten Part, nämlich das Ackern übernahm, fand es angemessen, ein bisschen bemuttert zu werden, umsorgt von seinem Weibe! Ein Muster, dass wir bis heute kennen. Der Frau wurde die Sorgearbeit zugeteilt. Die Sorgearbeit hielt und fesselte das von den Männern als wankelmütig empfundene und gefürchtete Weib so im Gesamtgefüge der neuen Lebensweise Ackerbau. Sicher ist sicher! Wahrscheinlich wären wohl die Männer am liebsten selbst davongelaufen, doch die Not forderte alle, sich der neuen Lebensweise unterzuordnen.

 

Boris von Heesen zeigt in seinem Buch „Was Männer kosten“ eindrucksvoll auf, dass es unendlich viel Energie kostet, den jeweils anderen Pol abzuspalten. Darunter leiden auch die Männer; weil eine toxische Männlichkeit entsteht, die Männer zu harten Einzelkämpfern erzieht, von sich selbst Entfremdete ohne Zugang zu den eigenen Gefühlen, die als Schwäche gefürchtet und verdrängt werden. Wer es mit dem Feminismus wirklich ernst meint, kann nicht dabei stehen bleiben, das Stereotyp der weiblichen Geschlechterrolle zu überwinden, sondern muss auch das Stereotyp der männlichen Geschlechterrolle mit gleicher Kraft bekämpfen wollen.

 

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber für mich ist Marta die ältere Schwester und Maria die jüngere. Und dann gibt es m.E. noch das Nesthäkchen, den jüngeren Bruder Lazarus. Aber der taucht erst im Johannesevangelium auf.

„Maria, Marta und Lazarus leben zusammen in ihrem Elternhaus in Betanien. Die Eltern sind längst verstorben, aber die drei sind einander eng verbunden. Sie haben eine Art von Gemeinschaft gefunden, in der es ihnen miteinander gut geht. Manche im Ort munkeln über sie, das ist ihnen klar: Wie merkwürdig, keiner verheiratet, keine Kinder, was ist das denn?“

so sagte es einmal Margot Käßmann über diese ungewöhnlichen in einem Haus zusammenlebenden Geschwister! Das ist sehr spekulativ von Margot Käßmann und auch von mir, denn fest steht nur, dass das Haus ausdrücklich als Haus von Marta benannt ist und nicht als das Haus des Mannes Lazarus, in dem auch seine beiden Schwestern Marta und Maria wohnten, gleichwie im „Hause des Petrus“ auch seine Schwiegermutter lebte. (s. Mk 1,29–31, Lk 4,38–39 und Mt 8,14–15)

Ich als Poet möchte natürlich die Fantasie nicht ausklammern, sondern ihr bewusst einen Raum geben, der allerdings einer sauberen Exegese nicht zuwiderlaufen darf.

 

Spannend ist, wie das elfte Kapitel des Johannesevangeliums Lazarus in seine Erzählung einführt: Irgendein Mann ist krank! Mit einem unbestimmten Pronomen (griechisch „tis“) nämlich führt er ihn ein, aber erst nach dieser Unbestimmtheit bekommt dieser Irgendjemand seinen Namen Lazarus zugewiesen. Und auch erst danach erfahren wir, dass dieser Lazarus der Bruder von Marta und Maria ist.

„Irgendein Mann war krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Marta wohnten. Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hat; deren Bruder Lazarus war krank. Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank.“ (Joh 11,1-2)

Johannes greift hier übrigens einer Erzählung voraus, die erst im Kapitel 12 des nach ihm benannten Evangelium folgen wird: Maria salbt Jesus die Füße mit kostbarem Öl! (s. Joh 12,1-8) Diese Darstellung stellt ganz offensichtlich die beiden Schwestern Marta und Maria in den Vordergrund seiner Verkündigung und den Bruder Lazarus in den Hintergrund, als Teil der Masse der Männer.

 

Doch zurück zum heutigen Text aus dem Lukasevangelium Kapitel 10 aus meiner Sicht: Marta, die ältere, übernahm ganz selbstverständlich, wohl ohne darüber nachzudenken, die der Frau zugeschriebene Rolle der Sorgearbeit. Für sie war klar, Sorgearbeit war nun, weil ein Mann im Hause zu Besuch war, ihre Aufgabe, die Aufgabe der Frau!

 

Ihre Schwester schien diese Rolle aber nicht anzuerkennen, sie entschied sich einfach dagegen und stattdessen dafür, als Jünger zu Jesu Füßen zu sitzen und ihm zuzuhören.Ich bin sicher, sie wusste ganz genau, was Marta eigentlich von ihr ganz selbstverständlich erwartete: mit anpacken, Sorgearbeit übernehmen! Damit durchbrach Maria wohl bewusst das ackerbäuerliche und patriarchale Rollenmuster, denn in ihm gelten allein die Jungs und Männer als entschieden, rational und durchsetzungsstark und nicht die Mädchen und Frauen!

 

Doch was sagte Jesus als Marta ihn aufforderte, solidarisch mit ihr von Maria das tradierte Rollenmuster einzufordern? Er lobte die Entschiedenheit der Schwester. Jesus war nicht der Mann, der sich bedienen lassen wollte, das wusste eigentlich auch Marta. Sie hätte nun einfach sagen können: „Weißt du was, Jesus? Dann höre ich jetzt auch zu und du machst am Ende den Abwasch!“ Und Jesus hätte nur genickt und gelächelt und sich gefreut, dass auch Marta nun zu seinen Füßen saß. Sie hätten gemeinsam die Sorgearbeit einfach entspannt neu verteilt.

 

Jesus vor den Karren des Patriarchats zu spannen, um es so auf Dauer zu bewahren, weil Männer ihre angeblich von GOTT selbst autorisierten Privilegien bewahren wollen, ist mit dem Jesus, der uns in dieser Erzählung vorgestellt wird, nicht zu machen. Und erst recht nicht mit dem billigen Argument, dass Jesus schließlich ein Mann gewesen war. Wäre Jesus eine Frau gewesen, hätte Mann sie nicht zu Wort kommen lassen. Nur als Mann konnte Jesus den kranken Mann heilen, ihn aus dem Grabe und dem Gefängnis seiner stereotypen Geschlechterrolle rufen, in dem dieser mittlerweile schon fault und stinkt: „Komm heraus!“

 

Johannes Brinkmann / Essen

PS: Mein Reden! Nicht "Der Mann ist das Problem", wie Udo Jürgens es in einem Lied besingt, sondern das Patriarchat. Das Problem ist also nicht das männliche Geschlecht, sondern seine kulturelle Prägung! Es gibt also Grund zur realistischen Hoffnung auf Heilung! Leider hat das Patriarchat sehr tiefe und alte Wurzeln und auch starke Helfer. Der wohl mächtigste Helfer ist der wohl mächtigste Mythos aller Zeiten: die 2. Schöpfungsgeschichte um Adam und Eva und ihren beiden Söhnen Kain und Abel. Ich stellte diesen alten Mythos schon im Jahr 2000 vom Kopf zurück auf die Füße in meiner Adaption "Am Anfang war die Einheit!". Die kann man einfach gratis zur Inspiration auf meiner Homepage herunterladen.



Kirchliche Reformgruppen, Betroffeneninitiativen sowie katholische Verbände und Initiativen  treffen sich am Samstag 24. und Sonntag 25. September 2022 in Köln bei einer

KirchenVolksKonferenz

„Wir gehen schon mal voran – für eine synodale Kirche der Zukunft“  

 und laden auch alle Interessierten und Engagierten aus nah und fern herzlich dazu ein.  

 

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