Sonntagsbrief zum 16. Sonntag im Jahreskreis, 10. Juli 2020

17. Juli 2020 von Sigrid Grabmeier

Von Gott lernen heißt Menschenfreundlichkeit lernen

Zeltstadt Katholikentag Mannheim 2011

Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; 
daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast.

Kein König und kein Herrscher kann dich zur Rede stellen
wegen der Menschen, die du gestraft hast.
 

Gerecht, wie du bist, verwaltest du das All gerecht
und hältst es für unvereinbar mit deiner Macht,
den zu verurteilen, der keine Strafe verdient.

Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit
und deine Herrschaft über alles lässt dich alles schonen. 

Stärke beweist du, wenn man an deine unbeschränkte Macht nicht glaubt,
und bei denen, die sie kennen, strafst du die anmaßende Auflehnung.
 

Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde
und behandelst uns mit großer Schonung;
denn die Macht steht dir zur Verfügung, wann immer du willst.

Durch solches Handeln hast du dein Volk gelehrt,
dass der Gerechte menschenfreundlich sein muss,
und hast deinen Söhnen und Töchtern die Hoffnung geschenkt,
dass du den Sündern die Umkehr gewährst.

 Weisheit 12, 13-19 Einheitsübersetzung

 

Von Gott lernen heißt Menschenfreundlichkeit lernen

Diese Stelle aus dem Buch der Weisheit vermittelt uns ein Gottesbild, das als Vorbild für unser Leben und Handeln dienen soll. Die vorletzten zwei Sätze könnten geradezu in einem Leitfaden für Führungspersonal stehen. Wichtig scheint mir insbesondere die Grundaussage, dass das Bewusstsein für die eigene Stärke und Position eine wohlwollende, sorgsame Haltung gegenüber der Aufgabe und denen verlangt, die im Bereich dieser Leitungsverantwortung liegen. Dazu gehört auch der Verzicht auf Überheblichkeit und Großspurigkeit. - Das könnte auch ein Vorbild für unsere Kirche sein. Könnte.

 

Vor hundertfünfzig Jahren wurde während des ersten vatikanischen Konzils das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet, der damit ebenso das Jurisdiktionsprimat und das oberste Lehramt in der Kirche bekam. Darüber sagt der Kirchenhistoriker Hubert Wolf: 

„Der Jurisdiktionsprimat erweist sich in der Tat als viel wirkmächtiger als die Unfehlbarkeit, weil er bis heute praktisch tagtäglich ausgeübt wird. Seit 1870 ist die katholische Kirche endgültig zur Papstkirche geworden. Die vielfältigen Katholizismen, die die Kirchengeschichte bis dahin auszeichneten, wurden für unrechtmäßig erklärt“

und der Dogmatiker Peter Neuner äußert sich über die neue starke Stellung des Papstes in der katholischen Kirche:

„Alles, was vom Papst kam, eventuell auch alles, was von römischen Dikasterien, von der römischen Kurie kam, wurde mit einer Aura der Unüberbietbarkeit, der Hingabe eines religiösen Gehorsams verbunden, und das machte die Diskussion oft sehr schwierig. Auch in der Theologie war es dann die römisch vorgegebene Richtlinie: Was vom römischen Lehramt entschieden ist, ist nicht mehr der Diskussion anheimgegeben, sondern das ist durch Autorität, durch göttliche Autorität letztlich bekräftigt und bestätigt.“

Damit hat Pius IX. das Papstamt und die kirchliche Struktur völlig neu aufgestellt und zu einer absolutistischen Wahlmonarchie gemacht. Kein Papst vor ihm war mit einer derartigen Machtfülle ausgestattet. - Er und diejenigen, die ihn unterstützten, reagierten damit auf die Entwicklungen nach der Aufklärung und der französischen Revolution. Sie hatten insbesondere auch eine Trennung von Kirche und Staat hervorgebracht und mit der Säkularisation weitreichende Folgen. Gleichzeitig erlebten Papst und Bischöfe dies als Umsturz und Zuwiderhandlung gegen die göttliche Ordnung. Deshalb musste ihrer Überzeugung nach das Papstamt und die Kirche von innen heraus durch neue Machtfülle und eine absolutistische Struktur gestärkt werden.

 

Die Kirche von heute leidet immer noch unter den Folgen und ist anscheinend nicht in der Lage, sich von den Fesseln, die dieses Allmachtsdenken hervorgebracht hat, zu befreien, aus- und aufzubrechen und sich neu zu er - finden. Auch wenn unter dem jetzigen Papst die Glaubenskongregation eine deutlich geringere Rolle spielt, so ist sie immer noch der Organisation gewordene Anspruch auf das „Ordentliche Lehramt“. Immer noch ist der Papst, wie im übrigen auch die Bischöfe für ihre Bereiche, Gesetzgeber, Richter und Exekutor in einer Person. Immer noch steht der Machterhalt des Klerus ganz oben auf der Agenda.

 

Vor kurzem fragte mich eine junge Frau, wie ich mir die Zukunft der Kirche vorstelle. Ich meinte, sie würde so langsam aber sicher zerfallen. Am Schluss stünde da eine Ruine und die Menschen, die sich noch verbunden fühlen, würden die Teile, die sie noch für verwendbar halten, raussuchen und die, mit denen sie nichts mehr anfangen können, liegen lassen. -

 

Und, wie wird sie dann aussehen? - Eine Zeltstadt, kein Prachtbau mehr, flexibel, mobil, bescheiden. - Was müsste passieren, dass Kirche noch eine Chance hätte? - Die Diakonie steht an erster Stelle, nicht die Liturgie. Sie wird sich ihrer eigenen inneren Stärke bewusst und nicht versuchen mit äußerer Pracht und Ansehen ihre Positionen durchzusetzen. Sie lernt, glaubwürdig die Menschenfreundlichkeit Gottes in der Welt zu repräsentieren. -

 

Sigrid Grabmeier

Bild: Zeltstadt Katholikentag 2011 in Mannheim 

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