Sonntagsbrief zum 15. Sonntag im Jahreskreis, 11. Juli 2021

9. Juli 2021 von Georg Mollberg

Brauchen wir heute noch Propheten?

Der Prophet Amos, Kirche São Jorge, Porto Alegre, Portugal, Bild Eugenio Hansen, OFS

Und Amazja sagte zu Amos: „Seher, geh weg! Verschwinde in das Land Juda, iss dort dein Brot und prophezeie dort! Und was Bet-El betrifft: Du wirst hier nicht länger Prophet sein, denn das ist das königliche Heiligtum, der Staatstempel.“

Amos antwortete und sagte zu Amazja: „Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler, sondern ein Hirte und einer, der Maulbeerfeigen anbaut. Da nahm mich Gott von der Herde weg, und Gott sagte zu mir: ´Geh und rede prophetisch zu meinem Volk Israel.` Und jetzt höre das Wort Gottes: „Du sagst: ´Du darfst kein Prophet in Israel sein! Und du darfst dem Haus Isaaks nicht weissagen!` Deshalb sagt Gott: Deine Frau wird zur Hure in der Stadt, und deine Söhne und deine Töchter fallen durch das Schwert. Dein Boden wird mit dem Maßband verteilt werden, und du wirst auf unreinem Boden sterben. Denn Israel muss auf jeden Fall in die Verbannung, fort von seinem Boden.“

Am 7, 12-15 Bibel in gerechter Sprache

 

 

Brauchen wir heute noch Propheten

Amos, ältester Schriftprophet des AT (8. Jh. v. Chr.), lebte als Schäfer in der Nähe von Bethlehem. Vom Feld weg war er von Gott aufgefordert worden, im Nordreich soziale Ungerechtigkeiten, widersprüchliche Gottesverehrung anzuprangern und ein Strafgericht, den Untergang des Königreiches, anzukündigen. Kein Wunder, dass er auf Widerstand stieß. Der Hirte war nicht zimperlich. Er verhöhnte die Art der Gottesdienste in Beth-El, einem Kulturzentrum, beschimpfte die korrupte Justiz und das ungerechte Wirtschaftsgebaren der Elite. Den Protest trägt er nicht etwa dem König vor, sondern die Pilger Beth-El hören als erste die deutlichen Warnungen JHWHs. Dennoch befiehlt Amazya, der Leiter des Heiligtums, Amos soll das Land verlassen und nach Juda zurückgehen. Keine 40 Jahre später erfüllte sich das Prophetenwort. Das Nordreich wird vernichtet. 586 folgte die Zerstörung des Südreiches und der Verschleppung in die babylonische Verbannung. 

Der wahre Prophet lässt sich von Autoritäten das Wort nicht verbieten, auch wenn es Unheil verheißt, denn er verkündet Gottes Weisung. Er hat deutlich zu sagen, wo Korrekturen nötig sind, was faul, korrupt, ungerecht und verdorben ist. Warum aus seiner Sicht die religiösen, politischen und sozialen Verhältnisse ins Abseits abdriften und was dagegen zu tun ist. 

 

Haben Priester prophetische Aufgaben? Wir sehen, sie ermahnen gerne vom sicheren Ambo aus die ach so Ungläubigen, ihr Leben an Dogmen und Kirchenrecht auszurichten. So funktioniert Kirche seit Kaiser Konstantin 322 als verfasstes hierarchisch organisiertes System. In einem vom Staat bezahlten Priestertum mit Pensionsanspruch, wess Brot ich ess, des Lied ich sing – muss die Prophetengabe zwangsläufig ersticken. Das Dilemma einer verfassten Kirche. Schweigen und sich feigen zu deutlich sichtbaren Mängeln in Kirche und Politik ducken so vieler Beamtenpriester hat hier seine Ursache. Kaum ein mutiges Wort z.B. zu Extremforderungen der Konsumindustrie, den Sonntag zum Werktag zu machen - verkaufsoffen zu halten. Ist es nicht der Tag, den die Jesusnachfolger als den Tag des Herrn den Gläubigen immer wieder predigen? 

 

Die Welt braucht dringend mutigere Gottesmänner oder – frauen aus allen Bevölkerungsschichten. Wer sich für not-wendende Reformen der Kirche einsetzt, muss wissen, dass ihm Stempel des Ketzers und Nestbeschmutzer aufgedrückt wird. Nicht ungefährlich also, gegen weltliche und kirchliche Monarchen oder Politiker aufzubegehren, denen Macht alles bedeutet. Propheten wie Jan Hus, er warf Bischof und Papst unchristliches Leben vor, wurde verbrannt, Savonarola hingerichtet. Franziskus, Teresa von Avila oder Katharina von Siena, Luther, Kierkegaard, Carl Friedrich von Weizäcker mit seinem Aufruf zu einem Friedenskonzil, die Taizé-Brüder um Roger Schütz mit gelebter Ökumene, Franz Kamphaus, die lateinamerikanischen Befreiungstheologen Leonardo Boff, Ernesto Cardenal, dem Papst Johannes Paul II. öffentlich den Segen verweigerte und ihm mit dem Zeigefinger drohte und, Gott sei Dank, die immer selbstbewusster aufbegehrenden Frauen in der Kirche, auch Eugen Drewermann, Hans Küng, Greta Thunberg, und Wir-sind-Kirche nicht zu vergessen, sie und die vielen Unbekannten zeugen von Liebe und Mitmenschlichkeit.

 

Alle aber bekamen zu hören, was Leiter des Heiligtums in Beth-El, Amazja, Amos dringend empfahl: Geh weg, und tritt woanders als Prophet auf, aber nicht bei uns! Kardinal Woelki hält sein konservatives Denkgerüst besorgten Laienpropheten vors Gesicht: Dann tretet doch aus, wenn euch meine Kirche nicht passt! So simpel denkt nur ein monarchisch diktatorisch geführtes Regime, Jerobeam II. dachte so und Querdenker der Kirche denken so, man stopfe den Kritikern einfach den Mund. Was aus Amos geworden ist, wissen wir nicht.

 

Jesu Jüngerinnen und Jünger hatten jedenfalls nicht den Auftrag, die Botschaft mit Gewalt und Härte durchzusetzen. Gottes Weisung fruchtet nur auf gutem mit Liebe gedüngtem Boden, so wie ihr Rabbi es ihnen vorgelebt hatte. Sie wussten, ihre Zuhörer würden ihnen nur dann glauben, wenn sie selber lebten, was sie sagten. Lasst uns Propheten dieser sensationellen Botschaft der Liebe und Gewaltlosigkeit sein!

G. Mollberg

Bild: Der Prophet Amos, Kirche São Jorge, Porto Alegre, Portugal, 

Eugenio Hansen, OFS

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