Sonntagsbrief zum 15. Sonntag im Jahreskreis, 10. Juli 2022

8. Juli 2022 von Magnus Lux

Nächstenliebe – was ist das?


 

Ein Toragelehrter erhob sich, um ihn gründlich zu befragen und sprach: „Lehrer, was muss ich tun, damit ich am ewigen Leben Anteil erhalten werde?“ Jesus sprach zu ihm: „Was ist in der Tora geschrieben? Wie liest du?“ Er antwortete ihm:

 

Du sollst die Lebendige, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Denken, und deine Nächsten wie dich selbst.“ Jesus sagte: „Du hast richtig geantwortet. Handle so und du wirst leben.“ Jener wollte aber weiter Recht bekommen und sagte darum zu Jesus: „Und wer sind meine Nächsten?“ Jesus nahm diese Frage auf und erwiderte: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel Räubern in die Hände. Diese zogen ihn aus, misshandelten ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester des Weges, sah ihn und ging vorüber. Gleichermaßen kam ein Levit an dem Ort vorbei, sah ihn und ging vorüber. Da kam einer aus Samaria des Weges, sah ihn und hatte Mitleid mit ihm. Er ging zu ihm hin und verband seine Wunden, indem er Öl und Wein darauf goss, dann hob er ihn auf sein Tier, brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn dort. Am folgenden Tag nahm er zwei Denare, gab sie dem Wirt und sagte: ´Umsorge ihn! Und was du mehr ausgibst, will ich dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.` Was meinst du, welcher von den dreien sei der Nächste dieses Mannes geworden, der den Räubern in die Hände gefallen war?“ Er sagte: „Der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat.“ Jesus antwortete ihm: „So mache auch du dich auf und handle entsprechend!“

 Lk 10.25-37  Bibel in gerechter Sprache

 

Nächstenliebe – was ist das?

 

Wenn uns heute eine*r fragen würde: „Kannst du mir in einem Satz sagen, was das Wesentliche des Christentums ist?“, dann käme vielleicht wie aus der Pistole geschossen ein einziges Wort: Nächstenliebe. Würde weitergefragt: „Und was ist das?“, ja dann breitete sich vermutlich erst einmal das große Schweigen und Überlegen aus und dann ließe sich ein zögerliches, ausweichendes Antworten vernehmen: Na ja, das ist nicht so ganz einfach.

 

Und in der Tat, es ist nicht ganz einfach. Gibt es doch das seltsame Wort „Jeder ist sich selbst der Nächste“. Die Nächstenliebe wird damit pervertiert und wird zum Egoismus. Die Auswirkungen einer Ellenborgen-Gesellschaft finden wir in der Politik, wenn nur an die eigene Klientel gedacht wird. Das geschieht selbst dann noch, wenn anscheinend Wohltaten für alle verteilt werden: Der Tankrabatt (erinnert ihr euch noch?) sollte Benzin für alle billiger machen – und hat letztlich die Taschen der Konzerne gefüllt.

 

Da fällt mir ein: „Bei euch soll es nicht so sein!“ Schauen wir also in unsere Kirche, die sich doch das „wahre Christentum“ auf die Fahne geschrieben hat, wie wir oft genug in der Eucharistiefeier singen: Die Welt soll einig werden im wahren Christentum. Und das wahre Christentum, das ist natürlich nach römischer Lesart in der römisch-katholischen Kirche zu finden. Denn da sind ja alle „Brüder“ – dass es auch „Schwestern“ gibt, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Und zur Kennzeichnung der besonderen Brüder, der Kleriker-Brüder, gibt das das entlarvende und doch so selbstverständlich gebrauchte Wort „Mitbruder“, und diesen Gedanken haben sich auch die sonst vergessenen Schwestern zu eigen gemacht: „Mitschwester“. Wo bringe ich nur unter: „Einer ist euer Meister, ihr alle seid Brüder (und Schwestern)“? – verwirrend!

 

Immerhin reden wir nicht mehr von „den Protestanten“, also von einer Art Clique, die gegen die wahre Kirche protestiert. Beim Wort „die Evangelischen“ klingt freilich mehr der Gedanke „die anderen“ mit als der Gedanke „die nach dem Evangelium leben“. Nein, nein, die Nächsten sind die uns nicht, bestenfalls „die getrennten Brüder“ – na gut, auch „Schwestern“, aber die sind ja immer „mitgemeint“. Wenn da einige Unverfrorene meinen, wir seien doch alle Christ*innen, dann kommt sofort das große „Ja-Aber“, sprich: das geht nicht. Wo bringe ich nur unter, was der Mann aus Nazaret, auf den sich doch alle berufen, gesagt hat: „Dass alle eins seien“? – verwirrend!


Wir alle sind „Kinder Gottes“ – wenigstens hier hat sich ein umfassender Begriff durchgesetzt, könnte man meinen. Wirklich? Hand aufs Herz: Schließen wir wirklich alle ein? Was haben sich die Dalits, die im hinduistischen Kastensystem als kastenlose Unberührbare und Unreine gelten, gefreut, dass einer der Ihren zum Kardinal erhoben worden ist; denn sonst gehören so gut wie alle indischen Bischöfe einer der höheren Kasten an. Kastenwesen im Christentum? Keine schnelle Verurteilung der indischen Kirche! Wie lange konnte in Deutschland nur ein Adliger Bischof werden? Wo bringe ich nur unter: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid eins in Christus“? – verwirrend!


Zerbrechen wir uns nicht Kopf darüber, wer „die Nächsten sind“. Jesus, den wir als den Christus bekennen, denkt ganz anders, nämlich: „Wem bin ich der Nächste, wem bin ich die Nächste?“ Wenn wir diese Sichtweise übernehmen, dann kann uns aufgehen, was Nächstenliebe bedeutet: Liebe zu den Menschen, die mich brauchen, die nahen und die fernen. Liebe zu den am Rande Stehenden, Liebe zu den Diskriminierten, Liebe zu den Ausgestoßenen. Liebe zu den Flüchtlingen, Liebe zu den Hungernden, Liebe zu den Unterdrückten. Liebe zu den Gescheiterten, Liebe zu den Verzweifelten, Liebe zu den Abgehängten. Was ist das Wesentliche des Christentums? Nicht Glanz und Gloria, nicht die Rettung der eigenen Seele, sondern die Bereitschaft, sich für die Menschen, die uns brauchen, auch mal die Finger schmutzig zu machen.


Magnus Lux

 

 

 Wir sind Kirche Online-Andacht interaktiv

Nächster Termin: Dienstag 12. Juli 2022, 19 Uhr 

 

Die Wir sind Kirche-Online-Andachten entstanden, um auch in Corona-Zeiten im Gebet und Gespräch miteinander verbunden zu bleiben. Sie stehen in der Tradition der verschiedenen gottesdienstlichen Feiern bei den Bundesversammlungen, Begegnungstagen und PilgerRadTouren. Auch über die strengen pandemiebedingten Einschränkungen hinaus bieten wir die Online-Andachten mit Austausch zum Bibeltext und gemeinsamer Fürbitte weiterhin an. 

> www.wir-sind-kirche.de/andachten

 

Kirchliche Reformgruppen, Betroffeneninitiativen sowie katholische Verbände und Initiativen  treffen sich am Samstag 24. und Sonntag 25. September 2022 in Köln bei einer

KirchenVolksKonferenz

„Wir gehen schon mal voran – für eine synodale Kirche der Zukunft“  

 und laden auch alle Interessierten und Engagierten aus nah und fern herzlich dazu ein.  

 

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