Sonntagsbrief zum 14. Sonntag im Jahreskreis, 5. Juli 2020

4. Juli 2020 von Tobias Grimbacher

Beschenkt sein

Bücherregal mit Ausgaben von Aristoteles

 

Es war zu dieser Zeit, dass Jesus Gott antwortete und bekannte: »Ich singe dir Loblieder, Gott, Vater und Mutter für mich und mächtig im Himmel und auf der Erde! Ich singe davon, dass du das vor den Weisen und Gebildeten verborgen und es für die einfachen Menschen aufgedeckt hast. Ja, mein Gott, denn so hast du es gewollt. Du hast mir alles mitgeteilt. Niemand kennt mich als dein Kind so wie du, väterlich und mütterlich. Niemand kennt dich so väterlich und mütterlich wie ich als dein Kind, und wie alle Geschwister, die ich darüber aufkläre. So kommt doch alle zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid: Ich will euch ausruhen lassen. Nehmt meine Last auf euch und lernt von mir: Ich brauche keine Gewalt, und mein Herz ist nicht auf Herrschaft aus. So werdet ihr für euer Leben Ruhe finden. Denn meine Weisungen unterdrücken nicht, und meine Last ist leicht.« 

 

Mt 11, 25-30 Bibel in gerechter Sprache 

 

Beschenkt sein

Manchmal dürfen wir uns von einem Bibelwort, das uns unvermutet begegnet, beschenken lassen. So geht es mir mit dem Vers von den Weisen und Gebildeten im heutigen Evangelium. Ich hätte ihn instinktiv bei Paulus gesucht. Ich finde ihn unvermutet als Leitvers für meinen Sonntagsbrief. Ich bin beschenkt.

 

Dabei muss ich befürchten, dass ich mit diesem Vers eigentlich gar nicht – oder negativ – gemeint bin. Viele Menschen in meiner Umgebung halten mich für gebildet, was ich mir auch gerne sagen lasse. In der Tat habe ich lange gelernt, studiert, promoviert, mich weitergebildet; ich habe hart für das gearbeitet, was ich heute weiss, kann und bin – im sprichwörtlichen Sinn ist mir nichts geschenkt worden.

 

Was aber, bei nochmaligem Nachdenken, gar nicht stimmt. Natürlich habe ich das Meine dazu getan. Aber es ist Zufall, dass ich in eine bildungsoffene, stabile Familie im Deutschland des späteren zwanzigsten Jahrhunderts geboren wurde und nicht in eine vielleicht genauso liebevolle Familie in einem Slum ohne Geld und Schule oder in zerbrochene Verhältnisse an irgendeinem Rand der Gesellschaft. Aus dieser Perspektive kann ich genauso beginnen, wie Jesus sein Loblied beginnt: ich danke Euch, Papa, Mama und übrige Verwandtschaft für diese Grundausstattung aus Liebe, Vertrauen und eröffneten Möglichkeiten – ganz ohne eigenes Zutun, geschenkt.

 

Das Beschenktsein ist dann auch der Grundtenor des ganzen Gebets Jesu. Ich spüre, dass er sich dabei nicht gegen eine Weisheit und Bildung richtet, die mir hilft, meinen Werdegang in das Gesamt der Welt einzuordnen. Aber manchmal hindert mich meine Bildung daran, die Welt einfach so – so einfach - zu sehen und zu leben, wie sie ist. Nicht zuletzt haben Weise und Gebildete zu allen Zeiten zu ergründen versucht, wo wir herkommen und hingehen, was der Sinn des Lebens und wer Gott ist, und haben dazu Theorien, Denkschulen und Dogmen entwickelt. Dem setzt Jesus seine Botschaft, sein Credo, gegenüber: „Niemand kennt dich so väterlich und mütterlich wie ich als dein Kind.“ Wenn wir die Liebe und das Zutrauen, die wir als Kinder erfahren haben – und die Liebe, die wir allen Kindern der Welt wünschen – zusammennehmen, dann haben wir schon das meiste verstanden, was es von Gott zu erkennen gibt. Gott-in-Beziehung, so will Gott in uns wirken; wirk-„mächtig im Himmel und auf der Erde“, aber nicht unbedingt als das jenseitige Wesen, der All-Schöpfer, Schicksals-Lenker, Gesetzes-Offenbarer oder Endzeit-Richter, den die Gebildeten in tausend Büchern festschreiben.

 

Eine weitere Schlagseite von uns Weisen und Gebildeten deckt Jesus auf, wenn er von sich und seinen Geschwistern, den einfachen Menschen, sagt „ich brauche keine Gewalt und mein Herz ist nicht auf Herrschaft aus“. Wir neigen dazu, nach mehr zu streben, mehr Wissen, mehr Einfluss. Wir denken oft in Kategorien der Herrschaft, der Macht, des Geldes oder vielleicht auch nur des Recht-Behaltens. Als gebildeter, wohlhabender Europäer mache ich mich mitschuld an der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen ebenso wie an der Zerstörung unserer klimatologischen Lebensbedingungen – und zwar nicht nur durch meinen Lebensstil, sondern auch, weil ich es dank meiner Bildung durchschaue und eigentlich besser wüsste.

 

Als Geschwister Jesu dürfen wir unsere Weisheit und Bildung nutzen, um diese Verstrickung von Macht und Geld, Gewalt, Unterdrückung und Zerstörung aufzudecken – besonders auch da, wo sie uns als Gottes Last verkauft werden. Jesu Last ist leicht, und Gottes Weisungen unterdrücken nicht! Offensichtliche Differenzen zu einigen kirchenrechtlichen Anweisungen unserer klerikale Kirche und ihres Herrgotts seien hier nicht weiter ausgeführt.

 

Als Kinder und Geschwister dürfen wir uns von Gott und von einander beschenken lassen; mehr noch: wir sind durch Gott und durch einander beschenkt! Und das ist – wenn wir uns mit unserer Weisheit und Bildung nicht selbst behindern – ganz einfach.

 

Tobias Grimbacher

 Bild: Bücherregal mit Ausgaben von Aristoteles "Metaphysik" © Roman Eisele

 

 

 

 

 

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