Sonntagsbrief zum 14. Sonntag im Jahreskreis, 4.. Juli 2021

2. Juli 2021 von Tobias Grimbacher

Auf die Füße gestellt

Auf die Füße gestellt © Tobias Grimbacher

In jenen Tagen schaute ich das Aussehen der Gestalt der Herrlichkeit des Herrn. Und ich fiel nieder auf mein Angesicht. Da hörte ich die Stimme eines Redenden.
Er sagte zu mir: Menschensohn, stell dich auf deine Füße; ich will mit dir reden. Da kam Geist in mich, als er zu mir redete, und er stellte mich auf meine Füße. Und ich hörte den, der mit mir redete. Er sagte zu mir: Menschensohn, ich sende dich zu den Söhnen Israels, zu abtrünnigen Völkern, die von mir abtrünnig wurden. Sie und ihre Väter sind von mir abgefallen, bis zum heutigen Tag. Es sind Söhne mit trotzigem Gesicht und hartem Herzen. Zu ihnen sende ich dich. Du sollst zu ihnen sagen: So spricht Gott, der Herr. Sie aber: Mögen sie hören oder es lassen - denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit -, sie werden erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war. 

Ez 1,28cd-2,5 Einheitsübersetzung

 

Auf die Füße gestellt

Gleich beim ersten Lesen dieses Textes haben mich drei Stellen angesprochen - und seither nicht mehr los gelassen:

Zuerst: „er stellte mich auf meine Füße“. Ezechiel hatte eine Erscheinungsvision der Gestalt des Lebendigen, da ist es schon verständlich, dass er sich ehrfürchtig zu Boden wirft. Aber: offensichtlich will Gott nicht, dass wir erstarrt auf die Knie fallen und vor ihm liegen. Gottes Geistkraft stellt Ezechiel eigenhändig auf die Füße. Gott stellt uns eigenhändig auf, damit wir handeln – damit wir vom Reich Gottes reden und daran mitbauen können.

 

Zum zweiten: die Abtrünnigen sind „Menschen mit trotzigem Gesicht“. Mein erster Gedankte: ich beurteile niemand nach seinem Gesicht, seinem Äusseren, nach Hautfarbe, Grösse, Haaren oder Kleidung – zumindest versuche ich, es nicht zu tun. Erst beim Nachdenken erkenne ich, dass dieses trotzige Gesicht nichts Äusseres ist, es könnte auch ein fröhliches oder enttäuschtes Gesicht sein, es geht um die Geisteshaltung der Person. Das trotzige Gesicht mach das harte Herz sichtbar. Die Bibel in gerechter Sprache nennt diese Menschen nicht nur abtrünnig, sondern misstrauisch gegen Gott. Misstrauen, Trotz und Hartherzigkeit sind denkbar schlechte Helfer auf dem Weg zur Nächstenliebe. Wobei ich mich nicht gegen ein gesundes Mass an Misstrauen aussprechen will, zum Beispiel ein vernünftiges Hinterfragen von religiösem Wahrheitsanspruch oder gesellschaftlicher Macht. Ich möchte nur nicht in diesem Grundmisstrauen erstarren, am Ende so sehr, dass es mein Gesicht kennzeichnet.

 

Und Drittens: „sie werden erkennen müssen“. Ich denke dabei an die prophetischen Menschen, die Umweltzerstörung, Klimaerhitzung, Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten und übrigens auch die Zoonose gefährlicher Vieren ankündigen. Es wäre besser, wir hätten schon vor zwanzig Jahren auf sie gehört. Noch besser, wir würden heute auf sie hören. Irgendwann werden wir erkennen müssen, dass sie Recht haben. Übrigens auch hier: ehrfürchtig Hören reicht nicht, wir müssen auf die Füße gestellt werden, und Handeln. Ich denke natürlich auch an die Prophetinnen unserer Kirche. Mögen der Vatikan und die Bischöfe sie hören oder es lassen – irgendwann werden sie erkennen müssen. Und ich frage mich, ob ich in manchen Bereichen auch so trotzig, hart und erstarrt bin, dass ich alle Prophetinnen und Propheten übersehe, vielleicht sogar absichtlich widerspenstig ignoriere, und irgendwann erkennen muss, was der Weg des Lebendigen, der Weg im Reich Gottes, gewesen wäre.

 

Umso mehr möchte ich nicht erstarrt niederfallen, sondern mich von Gottes Geistkraft aufstellen lassen. Erkennen. Und danach handeln.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen prophetisch bewegten Sonntag!

 

Tobias Grimbacher

 Bild: Auf die Füße gestellt. ©Tobias Grimbacher

 

 

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