Sonntagsbrief zum 14. Sonntag im Jahreskreis, 3. Juli 2022

1. Juli 2022 von Brigitte Karpstein

Gewissenhaft, frei und souverän

Danach nahm Jesus 70 weitere Schülerinnen und Schüler auf und schickte sie zu zweit voraus in alle Städte und Orte, wohin er selbst kommen wollte. Er sagte zu ihnen: „Das Erntefeld ist groß, die Menge der Arbeiterinnen und Arbeiter aber gering. Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeitskräfte für sein Erntefeld sprießen lasse. Wohlan – seht, ich sende euch aus als Lämmer, die unter Wölfen leben müssen. Tragt keinen Geldbeutel bei euch, keine Tasche, keine Schuhe und hängt euch an niemanden unterwegs! Wo ihr aber in ein Haus eintretet, sagt als Erstes: ´Friede diesem Haus!` Und wenn dort Menschen leben, die Frieden lieben, wird euer Friede auf ihnen ruhen. Wenn aber nicht, wird der Friede auf euch zurückkommen. Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was von ihnen kommt. Denn wer arbeitet, hat Lohn verdient. Geht nicht von einem Haus zum anderen. Und wenn ihr in einen Ort kommt und Aufnahme findet, so esst, was euch gegeben wird. Heilt die Schwachen am Ort und sagt ihnen: ´Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen!` Wenn ihr aber in einen Ort kommt, wo ihr keine Aufnahme findet, geht hinaus ins Weite und ruft: ´Wir schütteln den Staub von unseren Füßen, der sich von eurem Ort an uns geklebt hat! Trotzdem wisset: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!` Ich sage euch: Es wird Sodom am Gerichtstag erträglicher gehen als jenem Ort!“ 

 

Die 70 kehrten mit Freude zurück und sagten: „Herr, auch die dämonischen Kräfte haben sich uns in deinem Namen untergeordnet“. Er sagte zu ihnen: „Ich sah die satanische Macht wie einen Blitz aus dem Himmel herabstürzen. Seht, ich gab euch die Macht, auf Schlangen und Skorpione zu treten, sowie über die gesamte Kraft des Feindes – nichts wird euch mehr schaden können. Darüber hinaus freut euch nicht, dass die Geister und Mächte euch untergeordnet sind, aber freut euch, dass eure Namen in den Himmeln aufgeschrieben stehen!“

Lk10,1-12, 17-20 Bibel in gerechter Sprache

 

Gewissenhaft, frei und souverän

 

„Ach, geh mir doch weg mit deiner Kirche und alle dem, damit will ich überhaupt nichts zu tun haben. Ich will sowieso austreten.“ Kennen wir nicht alle, gerade aktuell besonders oft, diese Äußerungen der absoluten Ablehnung? Fühlen wir uns nicht manchmal auch noch persönlich zurückgestoßen? „Oh, warte, ich werd dir noch Argumente liefern,“ denke ich manchmal, „da hab ich doch genug auf Lager. Das muss ich doch wohl hinkriegen.“ 

 

Die Jünger, die für Jesus auf dem Weg nach Jerusalem Quartier suchen sollten, waren über die Menschen in Samaria, denen die Juden feindlich gegenüberstanden, so erzürnt, dass sie zum Äußersten bereit waren, weil diese sogar Jesus ablehnten.

 

Aber das macht Jesus nicht mit, denn er weiß, dass die Feindschaft vom Jerusalemer Tempel ausgeht und er verhält sich ihnen als Friedensstifter ganz anders gegenüber. (S. Gleichnis vom barmherzigen Samariter und das Gespräch mit der samaritanischen Frau in aller Öffentlichkeit). Jesus gibt den neuen 70 Jüngern, die er zur gegenseitigen Unterstützung und Stärkung zu Zweit als Vorboten auf seinem Weg nach Jerusalem aussendet, ganz andere Verhaltensregeln und Handlungsanweisungen mit, denn sie verkünden einen liebenden Gott. Er macht ihnen klar, dass sie einen großen Auftrag haben, und deshalb ist es notwendig, dass sie viele sind, und darum sollen sie Gott bitten. Und Jesus weiß, dass es nicht leicht für sie sein wird, sogar lebensgefährlich für Leib und Seele. 

 

Um wirklich frei zu sein für ihre Aufgabe, sollen sie nichts mitnehmen – es wird ihnen schon geholfen werden - und immer ohne Umschweife ihre Aufgabe im Blick haben. Und ganz wichtig ist es ihm: Er empfiehlt ihnen, wie es die Psychologen heute auch tun, die sog. gewaltfreie Kommunikation, mehr noch: Gleich sollen sie ihre positive Gesinnung und ihre friedliche Einstellung bekunden, wenn sie in ein Haus gehen. Das steckt an, und wer dann immer noch feindselig ist, der wird es auch bleiben, das lehrt die Erfahrung. Sie sind keine Sklaven, die ausgebeutet werden, sondern sie werden ihren Lohn für ihre Arbeit erhalten, sozusagen mit Kost und Logis. 

 

Da abstrakte Ideen niemanden bewegen, sondern nur die Erfahrung und der Bezug zur Realität der Menschen (Papst Franziskus), sollen sie als Beweis der Richtigkeit ihrer Botschaft von Gottes Liebe und neuer Welt Kranke heilen. So, wie es Jesus auch tut. 

 

Und dann kommt das Entlastende, Befreiende: Ihr seid Freie, nicht Abhängige, tut das, was ansteht, gewissenhaft, aber Ihr habt keinen Erfolgs- und Leistungsdruck. Ihr braucht euch nicht wie Bittsteller zu verhalten, Ihr könnt souverän und ohne Groll die ablehnenden Menschen verlassen und sie sich überlassen, denn sie tragen die Verantwortung für sich selbst und nicht Ihr. Lasst das alles bei ihnen, und um das Loslassen perfekt zu machen, schüttelt sogar den Staub von deren Straßen und verlasst das Terrain. Dass sich diese Menschen nichts Gutes tun, sondern sich selbst schwerwiegend schaden, wenn sie seine Botschaft ablehnen, das macht Jesus sehr deutlich. 

 

Als die Jünger, freudig über ihre von Gott gegebene Wirkkraft erzählend, zurückkehren, rückt Jesus sie zurecht: sie sollen sich nur darüber freuen, dass Gott sie nun mit Namen kennt. Das wird ihr wahrer, unvergänglicher, unverhandelbarer Lohn sein!

 

Jesus gibt zeitlose, von psychologischer Kompetenz zeugende Regeln aus, die auch oder gerade heute noch für alle in der Glaubensverkündigung Tätigen gelten. Auch den Umgang mit Ablehnungen und Zurückweisungen - das muss ich mir auch immer wieder klarmachen – gibt er uns mit auf den Weg. Wir haben eine wunderbare Frohe Botschaft vom Gott des Lebens, der Liebe und der Freiheit zu verkünden, die für alle in allen Lebenslagen passt. Das gibt uns Sicherheit und Souveränität. Gehen wir also ebenso mit friedlicher, positiver Ausstrahlung gewissenhaft, frei und unabhängig an unseren Auftrag, nicht abhängig von einem druckmachenden Chef. Lassen wir uns von niemandem ins Bockshorn jagen, fühlen wir uns nicht im Erfolgsstress, lassen wir keine Frustration aufkommen oder werfen wir auch nicht das Handtuch. Das haben wir nicht nötig und es würde nicht zu dem passen, was uns Jesus in seiner Liebe zu uns im Weinberg Arbeitenden rät und verspricht. Wenn wir abgelehnt werden, sagen wir uns ohne Groll oder gar Wut: Auch andere machen diese Erfahrungen, wir sind nicht allein, und es gibt so viele andere, bei denen wir gerne gesehen sind und aufgenommen werden. Schließlich wissen wir ja auch, wofür und für wen wir arbeiten.

 

Brigitte Karpstein

 

  

 Wir sind Kirche Online-Andacht interaktiv

Nächste Termine  jeweils Dienstag 19 Uhr 


statt 5. Juli 2022 verlegt auf 12. Juli 2022

 

Die Wir sind Kirche-Online-Andachten entstanden, um auch in Corona-Zeiten im Gebet und Gespräch miteinander verbunden zu bleiben. Sie stehen in der Tradition der verschiedenen gottesdienstlichen Feiern bei den Bundesversammlungen, Begegnungstagen und PilgerRadTouren. Auch über die strengen pandemiebedingten Einschränkungen hinaus bieten wir die Online-Andachten mit Austausch zum Bibeltext und gemeinsamer Fürbitte weiterhin an. 

> www.wir-sind-kirche.de/andachten

 

Kirchliche Reformgruppen, Betroffeneninitiativen sowie katholische Verbände und Initiativen  kommen am Samstag 24. und Sonntag 25. September 2022 in Köln zu einer

 

KirchenVolksKonferenz

 

„Wir gehen schon mal voran – für eine synodale Kirche der Zukunft“  

 

 und laden auch alle Interessierten und Engagierten aus nah und fern herzlich dazu ein.  

 

 

 

 

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