Sonntagsbrief zum 12. Sonntag im Jahreskreis, 21. Juni 2020 (Kopie)

19. Juni 2020 von Magnus Lux

„Fürchtet euch nicht!“

Rostock - Tanzende Mädchen Sigrid Grabmeier

Fürchtet sie nicht! Es gibt nichts Verhülltes, was nicht aufgedeckt werden wird, und nichts Verborgenes, was nicht bekannt wird.

 

Was ich euch in der Dunkelheit sage, das sagt im Licht! Und was euch ins Ohr geflüstert wird, das verkündet von den Dächern! Ängstigt euch nicht vor denen, die den Körper töten. Das Leben aber können sie nicht vernichten. Fürchtet vielmehr die Macht, die Körper und Leben in der Hölle vernichten kann. Werden nicht zwei Spatzen für Kleingeld verkauft? Und doch fällt keiner von ihnen ohne Gott zur Erde. Nun sind aber sogar eure Haare auf dem Kopf alle gezählt! Habt nun keine Angst, ihr seid von den Spatzen unterschieden. Denn zu allen, die sich zu mir bekennen vor den Menschen, werde auch ich mich bekennen vor Gott, für mich Vater und Mutter im Himmel. Aber die mich verleugnen vor den Menschen, werde auch ich verleugnen vor Gott im Himmel.

Mt 10,26-33 Bibel in gerechter Sprache 

 

„Fürchtet euch nicht!“ 


„Fürchtet euch nicht!“, wird den Menschen zugerufen. Dieses Wort soll vor allem denjenigen Christinnen und Christen Mut zusprechen, die verfolgt werden und um ihr Leben bangen müssen. Das war in der Verfolgung durch die Juden, die ja den Christenverfolger Paulus bis nach Damaskus geführt hat, ein tröstliches Wort: Ihr seid auf dem richtigen Weg. Das war in der Verfolgungszeit im Römischen Reich ein aufmunterndes Wort: Ihr seid so wichtig, dass sogar alle Haare auf dem Kopf gezählt sind. Das gilt heute noch den Verfolgten in vielen Teilen der Erde als ein Wort, das Kraft gibt: Steht zu dem, was euch wichtig ist, und lasst euch nicht dazu bringen, den Sinn und die Mitte eures Lebens zu verlieren.

Aber was sagt uns dieses Wort heute, in Mitteleuropa, wo keine Christin und kein Christ wegen seines Glaubens um sein Leben bangen muss? Wo jede und jeder freimütig zu dem stehen kann, was er, was sie für richtig hält? Haben wir diese Freiheit nicht in langen Kämpfen der letzten Jahrhunderte errungen? Die Französische Revolution schrieb auf ihre Fahnen: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“– urchristliche Werte, die nicht nur gegen die Könige, sondern auch gegen den erbitterten Widerstand von Bischöfen und Päpsten errungen werden mussten.

Aber was sage ich „errungen werden mussten“? Nein, die Freiheit müssen wir auch heute noch erringen, sie fällt uns nicht einfach in den Schoß. So manche Bischöfe und Kardinäle möchten sie im Namen der „Treue zum Herrn“ auch heute noch beschneiden – als ob wir nicht bekennen würden, dass Christus uns befreit hat. Paulus ruft den jungen Christinnen und Christen in Galatien zu: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen!“ Das Joch der Knechtschaft in der Kirche heißt „Klerikalismus“, den auch Papst Franziskus anprangert. Für Kardinal Marx gehört „Freiheit“ zur Kernbotschaft des Christentums. Freiheit bedeutet Mut zur Veränderung: „Fürchtet euch nicht!“

„Einer ist euer Meister, ihr alle seid Brüder und Schwestern“: das meint Gleichheit aller. Lassen wir uns nicht vormachen, dass dafür in der Kirche kein Platz sei, dass Gleichheit allem widerspreche, was Katholische Kirche meint, wie Kardinal Woelki sagt. Nein, Brüder und Schwestern zu sein gehört ebenfalls zur Kernbotschaft. „Big brother is watching you“, das hätten manche immer noch gern auch in der Kirche. Sie nennen es Glaubensverantwortung, wenn sie mündigen Christinnen und Christen, getauft in „ein heiliges Volk, eine königliche Priesterschaft“ kleinlich vorschreiben, was sie zu glauben hätten, anstatt mit ihnen um den rechten Glauben zu ringen. Für mündige Christinnen und Christen, die Geistliche sind, denn zu allen ist Gottes Geist gesandt, gilt: „Habt keine Angst!“

Statt „Brüderlichkeit“ verwenden wir heute besser „Geschwisterlichkeit“; denn mit dem Wort Geschwister sind alle Kinder in der Familie und darüber hinaus alle in der Menschheitsfamilie gemeint. Als Christen und Christinnen sind wir solidarisch mit allen Menschen dieser Erde; Solidarität ist auch eine christliche Kernbotschaft. Gerade heute in Zeiten der Corona-Krise ist diese Solidarität gefragt: mit den Menschen bei uns, die ihren Arbeitsplatz verloren haben; mit den Menschen in unseren Nachbarländern, die unter Corona viel mehr zu leiden hatten und immer noch haben; und auch mit den fernen Nächsten in den Ländern der Dritten Welt, die wirtschaftlicher Einbruch und Arbeitslosigkeit viel härter trifft als uns, die wir gut abgesichert sind. Und doch möchten uns einige populistisch einreden, doch an uns zuerst zu denken, doch zuerst unseren Wohlstand zu erhalten, einfach weiterzumachen wie vorher – auch auf Kosten anderer. Nehmen wir ihr abschätziges „Gutmensch“ als Ehrentitel: „Fürchtet euch nicht!“

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“: Habt keine Angst, „verkündet das von den Dächern!“

Magnus Lux

 

 

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