Sonntagsbrief zum 12. Sonntag im Jahreskreis, 19. Juni 2022

18. Juni 2022 von Brigitte Karpstein

Kleider machen Leute oder die Qual der Wahl

Ihr alle nämlich seid Gottes Kinder im Messias Jesus durch das Vertrauen. Alle, die ihr in den Messias hineingetauft seid, habt den Messias angezogen wie ein Kleid. Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich: denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus. Wenn ihr aber dem Messias angehört, dann seid ihr folgerichtig auch Abrahams Samen, erbberechtigt aufgrund der Verheißung.

Gal 3, 26-29 Bibel in gerechter Sprache

 

Kleider machen Leute oder die Qual der Wahl

 

Wer kennt das nicht? Man steht vor dem wohlgefüllten Kleiderschrank und empfindet Ratlosigkeit, manchmal Stress, denn: Was soll ich anziehen? 

 

Was habe ich heute vor? Wie wird das Wetter? Was steht Wichtiges an? Wie präsentiere ich mich am besten? Wie ist mir zumute? Was möchte ich durch mein Outfit ausdrücken? Was ziehe ich zur Einladung, zur Feier an? Bin ich dann auch richtig angezogen? Overdressed oder underdressed – beides wäre unangenehm; ganz falsch gekleidet zu sein, wäre evtl. blamabel.

 

Eine Modedesignerin beschrieb im Deutschlandfunk, welche Rolle die Kleidung bei vielen Menschen spielt. Die Kleiderwahl unterliegt oft der gegenwärtigen Mode und wird zur sozialen Angelegenheit; man unterwirft sich dem Modediktat, möchte nachahmen, passt sich an oder grenzt sich bewusst ab, man zeigt die Zugehörigkeit zu einer ausgesuchten Gruppe oder Schicht, man möchte deren Ansprüchen und Erwartungen gerecht werden, möchte einen Status ausdrücken oder sich im ganz eigenen, manchmal ausgefallenen, gar verrückten Stil abheben von anderen, provozieren, gegen den Strich bürsten.

 

Uniformen rufen Respekt hervor, bewirken Autorität, schaffen aber auch Distanz; Berufskleidung lässt den Beruf erkennen, und auch dort gibt es große Unterschiede im „Design“, Clowns schlüpfen in Kleidung, die die Menschen erheitern soll, Ordnungshüter flößen mitunter Angst ein ...

 

Eine große Bedeutung hat die Kleidung - denn Kleider machen auch heute immer noch Leute – oft bei Privilegierten und Reichen. Da gibt es sogar die sog. Etikette, Stilberatung und Vorschriften helfen dabei, immer standesgemäß auszusehen und den Reichtum zu demonstrieren. 

 

Gestatten Sie mir an dieser Stelle, nur einmal kurz den Blick auf die Kleidung der Bischöfe während der Messe und im zivilen Leben zu werfen:

 

Die liturgische Bekleidung muss schön, gut gemacht und auffallend sein. Sie stammt tatsächlich von der Bekleidung, die von den griechischen und römischen Würdenträgern getragen worden sind, die der reichsten Klasse angehörten und die dies ebenfalls durch ihre Bekleidung zum Ausdruck brachten. Die Exzellenz der ersten christlichen Priester war selbstverständlich geistig, aber nichtsdestotrotz mussten ihre Gewänder diese Größe zum Ausdruck bringen, um ihre Rolle nachvollziehbarer zu machen und unmittelbar für die Gläubigen.

Einige kirchliche Gewänder werden ebenfalls außerhalb der liturgischen Feste benutzt. Hier, beziehen wir uns auf das Priestergewand und das Scheitelkäppchen, dem Ferraiolo, ein leichter Seidenmantel, von Diplomaten des Vatikans genutzt, dem Saturno, ein Hut, dessen Form in der Tat den Planeten Saturn widerspiegelt.
Die verschiedenen Bedeutungen der liturgischen Bekleidung – Holy Art 

 

Die Bekleidung zur Zeit Jesu kennen wir von Gemälden, die sie gemäß der geschichtlichen Informationen aus der damaligen Zeit und Gegend darstellen. Die Fischerkleidung war mit Sicherheit schlicht und praktisch, und Jesus trug ein einfaches Gewand und grenzte sich von den prachtvollen Gewändern der religiösen Anführer ab, denn er ging mit und zu den Armen, den Ausgestoßenen, Abgelehnten, solidarisierte sich mit ihnen und drückte damit seine Zugehörigkeit zu ihnen aus. 

 

„Alle, die ihr in den Messias hineingetauft seid, habt den Messias angezogen wie ein Kleid. Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich: denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus.“  -  In der Urgemeinde trugen die Täuflinge, die in der Osternacht getauft wurden, eine Woche lang weiße Kleider, um zu zeigen, dass sie den Messias angezogen haben wie ein Kleid. Dieses Kleid macht Leute: Denn alle werden zu Gottes geliebten Kindern, und da gibt es keine Unterschiede wegen der Herkunft, des Standes, des Geschlechtes. 

 

Die Qual der Kleiderwahl und die ganzen oben beschriebenen Überlegungen werden in diesem Zusammenhang völlig überflüssig, denn ich habe das beste Kleid bereits bei der Taufe bekommen. Durch mein Leben kann ich die Zugehörigkeit zu diesem Messias Jesus ausdrücken und meine Aufgaben und die sich ergebenden Situationen je nach meinen Begabungen und meiner persönlichen Berufung bewältigen, denn dieses Kleid ist genau auf mich zugeschnitten, es passt mir und zu mir und verleiht eine besondere Ausstrahlung und Würde. Ich trage es als geliebtes Individuum mit meinen Stärken und Schwächen, mit meinen Ängsten, Nöten, Hoffnungen, Wünschen, Visionen und mit meiner ganz persönlichen Sehnsucht. Nach meinen Möglichkeiten und an meinem Platz kann ich, zusammenfassend formuliert, mitarbeiten am Reich Gottes und mich für eine bessere, gerechtere Welt einsetzen, bei „Wind und Wetter“, ohne einengende Vorschriften und Verbote, ohne mich in ein rechtes Licht rücken zu müssen, ohne zu repräsentieren, ohne Druck von außen und innen. Ich darf so sein, wie ich bin. Das Kleid legitimiert mich und gibt meinem Inneren Schutz gegen dummes Gerede oder Anfeindungen.

 

Hier drängt sich die Frage auf: Womit legitimiert die Kirche solche Unterschiede und konträre Gepflogenheiten, zu dem, was wir hier an Froher Botschaft hören? Wo ist die Geschlechter-gerechtigkeit geblieben, warum haben nach Kirchenrecht nur die klerikalen Männer das Sagen? Wieso ziehen sie sich immer noch dermaßen unpassend und unmöglich an? 

 

Durch unser weißes Kleid sollten wir uns auch deutlich abgrenzen gegenüber allem, was der Botschaft des Messias widerspricht und gegenüber allen Menschen, die ihr bewusst zuwider-handeln. 

 

Tragen wir gemeinsam das weiße Kleid mit Phantasie, Kreativität, Esprit und seien wir mutig, ideenreich und auch manchmal etwas ver-rückt.

 

Brigitte Karpstein

 

 Wir sind Kirche Online-Andacht interaktiv

Nächste Termine  jeweils Dienstag 19 Uhr 



statt 5. Juli 2022 verlegt auf 12. Juli 2022

 

Die Wir sind Kirche-Online-Andachten entstanden, um auch in Corona-Zeiten im Gebet und Gespräch miteinander verbunden zu bleiben. Sie stehen in der Tradition der verschiedenen gottesdienstlichen Feiern bei den Bundesversammlungen, Begegnungstagen und PilgerRadTouren. Auch über die strengen pandemiebedingten Einschränkungen hinaus bieten wir die Online-Andachten mit Austausch zum Bibeltext und gemeinsamer Fürbitte weiterhin an. 

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