Sonntagsbrief zum 1. Fastensonntag, 10. März 2019

9. März 2019 von TeilnehmerIn

Zwischen Verheißung und Versuchung

Wüste Juda © Georg Mollberg

Zum Beginn der Fastenzeit heute ein sehr ausführlicher Beitrag, zusammengesetzt aus 4 Bibeltexten und zwei Texten, die von Cristy Orzechowski und Georg Mollberg geschrieben wurden. - "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" - lesen wir heute. So kann dieser Sonntagsbrief vielleicht für eine ganze Fastenwoche zur Nahrung werden.

 

Die in Ägypten behandelten uns schlecht und demütigten uns. Sie drückten uns einen harten Dienst auf. Da schrieen wir zu Adonaj, der Gottheit unserer Vorfahren. Adonaj hörte unsere Stimme und sah den Druck, unter dem wir standen, unser Elend und unsere Qualen. Adonaj führte uns mit starker Hand, mit ausgestrecktem Arm, durch große Ereignisse, durch Zeichen und Wunder aus Ägypten heraus und brachte uns an diesen Ort und gab uns dieses Land, ein Land, das von Milch und Honig überfließt.

Dtn 26, 6-9 Bibel in gerechter Sprache

 

Wer in der Bergung Gottes in der Höhe wohnt,
im Schatten der mächtigen Gottheit übernachtet,
spricht zur Ewigen: Mein sicherer Ort und meine Burg,
meine Gottheit, auf die ich vertraue.
Gott zieht dich aus der Schlinge des Vogelfängers,
aus der tödlichen Pest.
Gottes Schwingen bedecken dich. Unter Gottes Flügeln birgst du dich.
Schild und Schutzmauer ist Gottes Verlässlichkeit.

Gottes Engel haben den Auftrag,
dich auf allen deinen Wegen zu bewahren.
In der hohlen Hand tragen sie dich,
damit dein Fuß nicht an einen Stein stoße.

Ps 91,1-4; 11-12 Bibel in gerechter Sprache

 

Wenn du aber mit deinem Mund öffentlich erklärst, dass es Jesus ist, dem wir gehören, und mit deinem Herzen vertraust, dass Gott ihn von den Toten geweckt hat, dann wirst du gerettet. Vertrauen, das aus dem Herzen kommt, führt zur Gerechtigkeit. Sich mit dem Mund öffentlich zu erklären, führt zur Rettung. Denn die Schrift spricht: Wer auf Gott vertraut, wird nicht scheitern.

Röm 10, 9-11 Bibel in gerechter Sprache

 

Erfüllt vom Heiligen Geist, kehrte Jesus vom Jordan zurück. Er wurde vom Geist in der Wüste umhergeführt, vierzig Tage lang, und er wurde vom Teufel versucht. In jenen Tagen aß er nichts; als sie aber vorüber waren, hungerte ihn. Da sagte der Teufel zu ihm: „Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden.“ Jesus antwortete ihm: „Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Da führte ihn der Teufel hinauf und zeigte ihm in einem Augenblick alle Reiche des Erdkreises. Und er sagte zu ihm: „All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören.“ Jesus antwortete ihm: „Es steht geschrieben: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.“

Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es steht geschrieben: Seinen Engeln befiehlt er deinetwegen, dich zu behüten;  und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ Da antwortete ihm Jesus: „Es ist gesagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel bis zur bestimmten Zeit von ihm ab.

Lk 4,1-13 Neue Einheitsübersetzung 

 

Zwischen Verheißung und Versuchung

Mir gefällt es, jeweils wenigstens einen roten Faden in der Zusammenschau der vorgeschlagenen Sonntags-Texte herauszuschälen. Es gibt hier zwei sich widersprechende Ströme über die nachzudenken ist, in denen wir zufrieden schwimmen, wie wir uns auch verlieren- und sogar untergehen können; z.B. im Triumphalismus der Sieger auf der richtigen Seite. —

Die Texte sprechen Rettungsverheißungen aus: wenn wir Gott vertrauen und seinen Namen bezeugen; hier wunderschön genannt: DIE LEBENDIGE.

Es reicht angeblich, den Namen Gottes anzurufen—! Redegewalt als Treppe zur Rettung?

Im Psalm 91 heißt es :

„Kein Unheil wird Dich treffen, kein Leid in die Nähe deines Zeltes kommen...“

Gott dargestellt als unsere Feste Burg. Keine Furcht mehr vor der Nacht u. ihren Grauen, keine Pest..., sprich Krebs...etc.. Und dennoch ich weiß: Zehntausende erreicht die Pest; der Tsunami — rechts und links bei den Völker-Nachbarn: ... und dir naht es nicht. (?)

Dem gegenüber existiert auch eine „Sie“= Die teuflische MACHT. Auch sie verheißt: „Wenn – Dann.“ – Bei Erfüllung der vorgeschlagenen Tat-Einforderungen wird alles Mögliche verheißen, was unsere Habgier anspricht: Über-flüssige und überberstender Existenzabsicherung = BROT-PLUS, All-Macht... Geborgenheit ,gefährliche Unverletzlichkeit, die uns gleichgültig werden lässt – und vieles mehr.

Der Römer-Brief geht ebenfalls nicht kleinlich mit Super-Versprechungen um! … da bin ich doch stark in Versuchung ,zu singen: „Ach wenn´s doch wäre...“

Aus diesem Hintergrund komme ich zum zweiten thematischen Strom dieser Texte: Es gibt bei all diesen, so überzeugt ausgesprochenen, Sätzen auch die gegenteiligen Erfahrung zu den Verheißungen: „Dich wird es dennoch nicht treffen“ –„Dir naht das Unheil nicht.“ Doch ich bedenke: Es gibt Erfahrungs-Etappen, die solchem Psalmistischen Jubelgesang vorausgehen. Unheil, Knechtung, Versklavung in Ägypten. – Erst auf lange Sicht blitzt Rettung auf, z.B. durch Aufbruch, durch Neu-Beginn, durch Ortswechsel, durch Erkennen eines neuen Landstriches, einer Be-Rufung ...

„Geh in ein Land, das ich Dir zeigen werde.“ –Dies sind keinen Garantien für gläubige „Familien Sorglos“. Es sind Lebensgeschichten von Völkern und Einzelpersonen, die in Bewegung sind, im Voran-gehen und 180 Grad-Drehungen vollführen, die ihre Visionen mit Gott experimentieren wollen. Denn die Vergangenheit, unter anderem Vorzeichen, hat kein Heil hervorgebracht!

Göttliche Kräfte werden zur Hilfe gedacht, nachgeahmt und im Innern erweckt, ja regelrecht als Gottes-Gabe erinnert, um herauszukommen aus dem SCHLAMASSEL des Vorherigen. Der Schlüssel zur Rettung und solch besungener Befreiung zu einem dem Unheil fernen Leben ist, ein jesuanisches Rückrat zu entwickeln. Aufzustehen persönlich und gemeinschaftlich gegen die heutigen Ansprüche der Verführungen und die angebotenen Appetits-brocken in allen Facetten.

 Cristy Orzechowski

 

„Grün wählen rettet die Welt!“ „Wir garantieren die sichere Rente - CDU!“ „Jedem seinen Mindestlohn - SPD!“ Oder: „Die zarteste Versuchung, die es je gab!“, verspricht uns die Schokoladenindustrie.

Nur wenigeZeitgenossen fragen nach, was denn die Politiker Nachprüfbares für die Bürgerinnen und Bürger durchsetzen konnten oder was in der süßen Schokolade verarbeitet ist und wie die Menschen behandelt werden, die auf Kakaoplantagen arbeiten müssen. Man begnügt sich mit dem schönen Schein und befriedigt so sein momentanes Bedürfnis. Alle, die ein Produkt anbieten, sei es in der Politik, seien es Nahrungsmittel oder Luxusartikel, lassen sich von gewieften Werbestrategen helfen. Das Produkt steht dann meist an zweiter Stelle, der Stratege soll es so clever wie möglich verpacken. 

Ein junger Mann aus einfacher Nazarener Familie begegnete vor 2000 Jahren ebenfalls einem erfahrenen „Werbeprofi“, der den Menschen seine „Produkte“ schmackhaft machen will. Im biblischen Text wird dieser Marketing-Spezialist „Satan“ genannt, heute würden wir ihn den Teufel nennen. Oder ihn, wenn wir nicht an eine Person glauben, vielleicht als „das Böse“ bezeichnen.

Jesus hatte sich vierzig Tage Zeit in der Wüste gegönnt, um in der Einsamkeit herauszufinden, welche sinnvollen Wege sich ihm wohl anbieten. In der Abgeschiedenheit und Stille tauchen Fragen auf: Was habe ich bisher gemacht? War das gut, was hätte besser sein können? Ist der eingeschlagene Weg der für mich bestmögliche oder sollte ich die Finger davon lassen? Bin ich vielleicht zu etwas Besonderem berufen?

Nach vierzig Tagen sei erschwach geworden, erzählt Lukas. „Schwach werden für…“ kann soviel heißen wie „in Versuchung geraten“. Der richtige Moment für den Teufel, sich ihm zu nähern. Er greift in die Kiste menschlicher Sehnsüchte, Hoffnungen, unerfüllter Wünsche und verspricht glaubhaft, all dies zu erfüllen. Zu den speziellen Lockmitteln und Versprechen des teuflischen Werbefachmannes zählen an erster Stelle Geld, Macht und Besitz. 

Jesus war Gottes Sohn, aber er war auch ein Mensch wie du und ich. Er wusste wohl genau, dass all die offenen und geheimen Versprechungen von Reichtum, Macht und Luxus am Ende ihm und den Nächsten schaden würden, dass er sich damit gegen seinen Vater wenden würde. Dennoch geriet er in Versuchung. Lukas lässt Jesus spontan die jeweils passende Bibelstelle zitieren und so sich aus den Versuchungen mit Hilfe der Tora befreien. Ob das uns so gelingen würde? Ich hätte da wohl Probleme! Aber diese Geschichte kann helfen, Täuschungen und Versuchungen frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu handeln. 

„Nur für kurze Zeit ließ der Teufel von ihm ab“, heißt es im Evangelium. Auch uns bleiben immer nur kurze Verschnaufpausen, dann müssen wir uns wieder dem Kampf gegen die lockenden Stimmen der Versuchung stellen. 

Georg Mollberg

 Bildnachweis: Wüste Juda,© Georg Mollberg

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