Sonntagsbrief zu Christi Himmelfahrt, 21. Mai 2020

20. Mai 2020 von Tobias Grimbacher

Irgendwas ist anders

Kondensstreifen © Tobias Grimbacher

In jener Zeit gingen die elf Jünger nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu
und sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Mt 28,16-20 Einheitsübersetzung

 

Irgendwas ist anders

 

In seiner Apostelgeschichte lässt der Evangelist Lukas die Himmelfahrt Christi 40 Tage nach Ostern und in Jerusalem stattfinden. Das Matthäusevangelium, aus dem unser heutiger Text stammt, nennt keinen Zeitraum und einen anderen Ort. Am Ostermorgen sagt Jesus zu Maria von Magdala und der anderen Maria: „Fürchtet Euch nicht“, und dass sie die Jünger nach Galiläa schicken mögen. Dem folgen die Jünger dann auch, sie gehen nach Galiläa, nach Hause. Vermutlich gehen sie zurück zu ihren Familien, ihrer Arbeit. Der Evangelist Johannes berichtet, dass sie wieder fischen gehen. 

Aber irgendwas ist anders. Jetzt sind sie nicht mehr Jesus und die Zwölf und die übrigen Jüngerinnen und Jünger, die so viel zusammen erleben, sondern nur noch die Elf, ohne Jesus. Sie haben wohl vernommen, dass Jesus auferstanden sei, aber was diese neue Wirklichkeit für sie bedeutet, so ganz begreifen sie das noch nicht. Sie merken nur, dass nach der begeisternden Zeit als Jesusbewegung und dem tiefen Absturz des Karfreitag sich ihr Alltag verändert hat. Vielleicht bemerken sie, dass sie sich verändert haben. Ich glaube, dass wir dieses Gefühl nie besser nachvollziehen konnten als heute.

Wir hatten uns ziemlich stabil in unserem Alltag eingerichtet, als Ende Februar zuerst die Grossveranstaltungen und dann immer mehr Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens untersagt wurden. Am Karfreitag fehlte nicht nur die Eucharistiefeier im Gottesdienst, sondern die ganze Liturgie. Die Osterkerze haben wir zuhause angezündet. Seither gibt es immer mehr Lockerungen. Allmählich kehrt der Alltag zurück. Wir kehren in den Alltag zurück. Aber irgendwas ist anders. 

Einerseits liegt das natürlich daran, dass noch lange nicht alles gelockert ist. Manche glauben in diesem Zusammenhang an den Weihnachtsmann, Adventsbazaar, Glühwein auf vollen Weihnachtsmärkten, „Transeamus“ mit Chor im Hochamt. Andere halten selbst das für unrealistisch. In der Apostelgeschichte sagt Jesus direkt vor seiner Himmelfahrt: „Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.“ Auch das klingt wie für uns heute gesprochen. Wie lange die Einschränkungen dauern, wir wissen es nicht, unsere Politiker nicht, unsere Epidemologen nicht. Früher hätte man gesagt, wir sind in Gottes Hand.

Dass heute irgendwas anders ist als vor dem Lockdown liegt aber nicht nur am Alltag. Es liegt andererseits auch – wie bei den Jüngern – daran, dass wir uns verändert haben. Natürlich vermissen wir vieles. Aber ich bin mir sicher, dass jede und jeder auch Dinge aus dem früheren Alltag benennen kann, die wir nicht zurück haben wollen. Dieses Gefühl, dass irgendwas anders ist, kann eine kreative Kraft entfalten. Im Privatleben, als Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, als kirchlich oder politisch engagierte Menschen können wir die Erfahrungen der Krise bewahren. Viele Initiativen sind entstanden. Kontakte wurden neu geknüpft. So wächst das Reich Gottes.

Wenn Christus wirklich lebt, wenn wir leben sollen wie Christus, dann soll sich auch unser Alltag ändern - dann brauchen wir nicht in den stabilen alten Alltag zurück. Die Osterbotschaft zu Christi Himmelfahrt in Corona-Zeiten lautet dann: seid umsichtig, haltet Abstand – aber fürchtet Euch nicht!

Tobias Grimbacher

 

Foto: Kondensstreifen, 2015 Tobias Grimbacher

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