Sonntagsbrief zu Allerheiligen 1. November 2023

1. November 2023 von Brigitte Karpstein

Jesuanisches Grundgesetz

Jesus sah die Volksmenge an und stieg auf den Berg. Als er sich hingesetzt hatte, kamen seine Jüngerinnen und Jünger zu ihm. Und er begann feierlich zu reden und lehrte sie: „Selig sind die Armen, denen sogar das Gottvertrauen genommen wurde, denn ihnen gehört Gottes Welt. Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben. Selig sind die, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden satt werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren. Selig sind die, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott sehen. Selig sind die, die für den Frieden arbeiten, denn sie werden Töchter und Söhne Gottes heißen. Selig sind die, die verfolgt werden, weil sie die Gerechtigkeit lieben, denn ihnen gehört Gottes Welt. Selig seid ihr, wenn sie euch um meinetwillen beschimpfen, verfolgen und böse Lügen über euch verbreiten.“

Mt5,1-11 Bibel in gerechter Sprache

 

Jesuanisches Grundgesetz

 

„Mit der Bergpredigt lässt sich keine Politik machen.“ sagte einmal der Altbundeskanzler Helmut Kohl. Ich finde sie jedoch hochpolitisch und gesellschaftspolitisch. Jesus gibt uns ein Manifest mit Maßgaben für ein gelingendes Zusammenleben, die sowohl für die Politik als auch für das alltägliche Leben des Einzelnen gelten. Die Bergpredigt ist Politik.

 

Jesus hatte zu Beginn seines Wirkens die ersten Jünger berufen, Kranke geheilt und Dämonen ausgetrieben und dadurch viel Aufmerksamkeit erregt. Um nun sein „Programm“ vorzustellen, besteigt er eine kleine Erhebung, den „Berg der Seligpreisungen“ am See Genezareth. Viele von den Menschen, die ihm gefolgt waren, litten unter der Macht der Religionsführer und der römischen Herrschaft, und Jesus sah sich genötigt, ihnen Tipps für ihre Situation zu geben. Herausgekommen ist dabei die Bergpredigt.

 

Jesus setzt an beim Alltag dieser Menschen, die unter Unannehmlichkeiten aller Art zu leiden haben, und die sich nach einem besseren, glücklicheren Leben sehnen. Jesus, ein hervorragender Psychologe, nennt ihnen Reaktions- und Verhaltensweisen, die aus verfahrenen, unseligen Situationen zum Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft herausführen: Die Beziehung zu Gott mit dem Wissen, schwach und unzulänglich zu sein, Sanftmut, Barmherzigkeit, Gewaltverzicht, Frieden stiften. Trauernde werden von Gott oder einem Mitmenschen getröstet, und wer unter Verfolgung und übler Nachrede wegen des Einsatzes für Gerechtigkeit leidet, soll sich sogar glücklich preisen, denn ihr Einsatz ist richtig. Eine neue, ganz andere Gesellschaft der Kinder Gottes wird entstehen und ist schon im Alltag erfahrbar und der Lohn für die ertragene Mühsal in der Nachfolge.

 

Die Aktivität eines jeden kann das eigene Leid und das des anderen in etwas Positives, Befreiendes, zufrieden und glücklich Machendes verwandeln. Bloßes Hinnehmen von Leid, Ungerechtigkeit usw. und die Zustände so zu belassen, wie sie sind, ist nicht die Art Jesu und soll auch nicht die seiner Anhänger/innen sein. Sie sollen friedfertig die Gesellschaft sozial gestalten, sich gegen Unrecht und ungerechte Verhältnisse einsetzen und an der Seite der Notleidenden stehen. Das wird allerdings kein Zuckerschlecken sein. Genau wie die Propheten werden sie Widerstand, Anfeindungen, Ausgestoßensein erleben. Aber Gott ist derjenige, bei dem alles aufgehoben, registriert ist, und ihn anschauen zu dürfen, wird das Ziel am Ende sein. Das ist wahrhaftig ein Grund zum Jubeln, zum Glücklichsein, auch schon im Hier und Jetzt.

 

Das Hauptgebot der neuen Botschaft Jesu ist die Liebe. Sie lebt von Beziehung und Kommunikation, und dass dies gelebt wird, danach sehnt sich Gott. Wenn diese Liebe als oberste Maxime das Denken und Handeln bestimmt, dann können sich alle glücklich preisen. 

 

Für den Handelnden gibt es dazu noch hier auf Erden einen Rieseneffekt: Alles, was im jesuanischen Grundgesetz steht, ist absolut sinnvoll und hilfreich. Sinnvolles zu tun und sich helfend für andere einzusetzen, erfüllt mit Freude und macht zufrieden und glücklich. Dabei dürfen wir auch ruhig schon auf den Lohn für unser Tun „spingsen“, das erhöht das Glück noch mehr.

 

Liebe ist aber auch Arbeit, Versagen und Scheitern sind inbegriffen. Streit wird es immer geben, aber eine Spirale der Gewalt führt in schlimmeres Leid. Eine wohlwollender, respektvoller Dialog, bei dem man nicht die Probleme, sondern Lösungen im Blick hat, führen zum Verstehen und zur Versöhnung. Wenn der Gegner das jedoch nicht will, zählt, das der / die andere, alles, was möglich war, unternommen hat. Auch für diesen Fall hat uns Jesus Trost und den Lohn Gottes zugesagt. 

 

Altbundeskanzler Kohl hat übrigens seine Ansicht selbst widerlegt, indem er zusammen mit Michail Gorbatschow die nie für möglich gehaltene Wiedervereinigung erwirkt hat.

 

Zur aktuellen Situation im Nahen Osten fand ich im aktuellen „Publik-Forum“ (Nr. 20, S. 59) dieses wunder – volle Beispiel der NGO „Combatants for Peace“ (cfp), die 2005 gegründet wurde „von Menschen, die zuvor aktiv am Konflikt beteiligt gewesen sind – ehemalige israelische Soldaten und frühere paramilitärische Kämpfer von der palästinensischen Seite. … 

 

„Sich zuhören, auch im schlimmsten Schmerz, das Gespräch nicht abbrechen: Wenige Tage nach dem Angriff der Hamas in Israel mit mindestens 1200 Toten unterstreicht die israelisch-palästinensiche Friedensorganisation „Combatants for Peace“ die Bedeutung des Dialogs. `In unseren Whatsapp-Gruppen senden sich israelische und palästinensische Mitglieder gegenseitig Gebete und Worte der Trauer und Liebe. … Sie senden sich `Praktiken zur Beruhigung einer Traumareaktion. Sie erkundigen sich nach den Familien der anderen, insbesondere nach denen, die auf der gegenüberliegenden Grenze zum Gazastreifen leben.`

 

„CfP „ist davon überzeugt, dass sich der Israel-Palästina-Konflikt nicht militärisch lösen lässt“ und „veranstaltet Treffen mit ehemaligen Kämpfern an Universitäten und Schulen und will so aktiv den israelisch-palästinensischen Dialog fördern.“ Das ist gelebte Bergpredigt, hochpolitisch, wegweisend und Hoffnung gebend. 

 

Am Fest Aller Heiligen denken wir nicht in erster Linie an die bekannten Heiligen, diese haben ihre besonderen Gedenktage bekommen, sondern an alle Menschen, die, wie ihre berühmten „Kolleg/innen“, in Liebe für andere da waren, sich für eine bessere Welt eingesetzt und abgemüht haben und dabei, wie in der Bergpredigt beschrieben, heil, heilig wurden. Sie haben ihren zugesagten Lohn von Gott erhalten, und deshalb ist der Tag kein Trauer-, sondern ein Tag zum Freuen und Feiern. Und eine Motivation, es ihnen gleichzutun, garantiert mit Gott an der Seite.

 

Brigitte Karpstein

 

Herzliche Einladung zu unseren Online Veranstaltungen: 

 

Unsere nächsten Gespräche am Jakobsbrunnen
 von 19:00 bis 20:00 Uhr

Dienstag 7. November Bericht und Austausch zu Erlebnissen und Erfahrungen während der Synode in Rom,

mit Christian Weisner, Martha Heizer und anderen.

 

Dienstag 14. November

Dienstag 21. November

bsp]

 

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