Mittwoch, 24. Dezember 2025 - Heiliger Abend
In jener Gegend gab es auch Hirten und Hirtinnen, die draußen lebten und über ihre Herde in der Nacht wachten. Da trat ein Engel der Lebendigen zu ihnen und der Feuerglanz der Lebendigen umhüllte sie. Sie aber fürchteten sich sehr. Der Engel sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Denn seht, ich verkünde euch große Freude, die das ganze Volk betreffen wird: Heute ist euch der Gesalbte der Lebendigen, der Retter, geboren worden, hier in der Stadt Davids. Und dies sei das Erkennungszeichen für euch: Ihr werdet ein Neugeborenes finden, in Windeln gewickelt, in einer Futterkrippe.“ Plötzlich erschien zusammen mit dem Engel eine große Schar des himmlischen Chores. Sie priesen Gott mit den Worten:
„Glanz in den Höhen bei Gott!
Und Friede auf der Erde bei den Menschen,die Gott wohlgefallen!“
Lk 2, 8-14 Bibel in gerechter Sprache
Friedensbotschaft
Als König Herodes das hörte, erschrak er (Mt 2,3)
Zahlreich, ziemlich, ist das Personalverzeichnis rund um das Kind: Maria und Josef, die Hirten und die „Magoi“, der Königshof in Jerusalem, Chef inklusive. Gemeinsam ist ihnen eines: Sie sind begriffsstutzig. Sie verstehen nicht, was geschieht. Die Evangelisten müssen veritable Engelsscharen aufbieten, um es klar zu machen. Auch diese Regel kennt eine Ausnahme: Herodes der Große (73 - 4 v. Chr.). Er begreift sofort. Engel sind überflüssig. Und erschrickt. Mit Recht. Er weiß (instinktiv, intuitiv, rational?): Seine Macht ist in den Grundfesten erschüttert – und jede Macht. Er hatte sie bislang rücksichtslos mit Gewalt behauptet und verteidigt. Der Kindermord zu Bethlehem ist wahrscheinlich unhistorisch, doch das ändert nichts an der Feststellung. Kaiser Augustus spottete: Es ist besser, ein Schwein (griech. hys) als ein Sohn (griech. hyiós) des Herodes zu sein. Schweine brachte er nicht um (jüdisches Speiseverbot), seine Sprösslinge sehr wohl. Sie bedrohten seine Macht. Also Gewalt gegen sie. Wie gegen alle, die sie in Frage stellten. Wie der Junge in Bethlehem.
Herodes hat gleich begriffen: Der Neugeborene signalisiert das Ende von Macht durch Gewalt. Er besitzt alle Gewalt im Himmel und auf Erden (Mt 28,18), aber es ist die Macht der Liebe: Sie erhöht die Niedrigen, nicht die Stolzen (vgl. Lk 1,52). Die seit Menschengedenken bestehende Ordnung ist damit zerstört. Sie ist bestimmt vom „Mythos von der erlösenden Gewalt“ (W. Wink): Das Schema ist immer gleich. Böse Gewalt hast du mir angetan! Ich ergreife darum Gewalt gegen dich, weil du Gewalt gegen mich verübt hast, weil ich Gewalt gegen dich verübt habe¸ weil du Gewalt gegen mich ergriffen hast, weil ich Gewalt gegen dich verübt habe – so geht es weiter bis zu Kain und Abel. Und immer hat jeder gemeint, dass es mit seiner Gewaltausübung ein Ende haben und der Friede kommen werde. Einmal wird der Widerstand doch wohl schon siegen. Der Jesus-Kontrast: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand“ (Mt 5,39).
Doch funktioniert das? Produziert Gewaltverzicht die Macht der Liebe oder nicht doch bestenfalls bloß Kapitulation und also Mehrung der Macht des Täters? Die Frage ist alles andere als akademisch. Von der Antwort hängt unser ganz persönliches Schicksal ab. Seit des Herodes Zeiten ist im Thema Gewalt ein Umschwung von der Quantität zur Qualität erfolgt. Damals war Gewalt partiell – man konnte ihr entkommen, beispielshalber nach Ägypten. Da hatte Herodes keine Macht. Heute kann man im Fall der atomaren Katastrophe nirgendwohin ausweichen. Den Planeten Erde zu vernichten, das traute man ehedem nur Gott zu. Wir schaffen das heute ganz allein. Finale Gewalt durch Macht ist eine reale, eine allzeit mögliche Option. Wir wissen nur nicht, wann sie Fakt wird. Ist Gewaltlosigkeit ein Gegenprogramm? Gegenfrage: Kann es ein anderes geben? Jesus hat sich aus freien Stücken der Gewalt unterworfen und eben so die Welt erlöst. Auch in unserer Zeit hat Gewaltverzicht sich als schlüssig für den Frieden erwiesen: Gandhi, Nelson Mandela, der Maidan. Gewaltverzicht bedeutet nicht Selbst-verzicht, sondern Vertrauen auf die Unwiderstehlichkeit der Liebe. Er meint Absage an den Mythos von der Erlösung durch Gewalt. Er bedeutet radikales Umdenken. Er ist sich der Möglichkeit des Friedens sicher. Das gilt seit des Kindes Ankunft, seit des Herodes Erschrecken.
Also auch Weihnachten 2025. So wünsche ich allen, die diese Zeilen lesen, für alle Widerfahrnisse: Frieden schaffen zu können, Frieden zu erfahren, im Frieden zu bleiben. Nicht nur über die Feiertage, sondern auch 2026. Alles andere gibt es obendrein und alles andere ist aufgenommen in den Frieden der Heiligen Nacht. Und wenn das so schwer fällt einzusehen, dann steht gleich ein Engel für uns bereit: „Fürchtet euch nicht!“ Und wenn das nichts hilft, kommt ein ganzer himmlischer Chor zum Einsatz:
„Friede auf Erden den Menschen von Gottes Wohlgefallen“ (Lk 2,10.14)
Wolfgang Beinert
Den Weihnachtswünschen von Professor Beinert schließen wir vom Bundesteam und dem Verein Wir sind Kirche e.V. uns gerne an.Danke für Ihr Abonnement des Adventskalenders, der mit dem letzten Kalenderblatt morgen endet. Zum Neuen Jahr erscheinen wieder die Sonntagsbriefe.
Sigrid Grabmeier
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